Es gibt im niederösterreichischen Vereinsleben Augenblicke, da verdichtet sich das ganze Wesen der Republik in einem einzigen Raum. Ein Wirtshaus, ein runder Geburtstag, sechs Funktionäre, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen, und ein Maibaum, der irgendwo im Text erwähnt werden muss, weil man sich sonst Sorgen um die kulturelle Substanz des Dorfes machen müsste. In St. Margarethen an der Sierning hat man genau dieses Paket geschnürt, mit Schnapsen garniert und mit dem Ehrentitel eines 70-jährigen Obmanns verziert.
Anton Gruber, seit einem guten Menschenalter Herr über Ausflüge, Wandertage und die strategische Frage, wann das Stelzen-Essen beginnen darf, darf sich feiern lassen. Und zwar von Leuten, deren Titel länger sind als die Reden, die sie halten. Ehrenobmann, Obmann-Stellvertreter, Schriftführer, Schriftführer-Stellvertreterin, Kassier, ehemaliger Vorstand, aktiver Vorstand. Eine derart dichte Personaldecke wirkt weniger wie ein Verein und mehr wie ein mittelständisches Familienunternehmen in der Krise, nur ohne Krise und ohne Produkt.
Man stelle sich die Szene vor. Sechs Menschen sitzen um einen Tisch, jeder mit einem Amt, das im Wesentlichen darin besteht, die anderen fünf daran zu erinnern, dass es sie gibt. Der Ehrenobmann darf noch einmal so tun, als gehöre ihm etwas, der Stellvertreter darf schauen, ob der Obmann auch ja das Richtige sagt, und die Schriftführerin protokolliert alles, damit in dreißig Jahren jemand im Archiv beweisen kann, dass an diesem Abend wirklich ein Schnapsen stattgefunden hat. Demokratie sieht anders aus, aber sie fühlt sich ähnlich feierlich an.
Überhaupt das Schnapsen. Es ist das eine Spiel, bei dem jeder glaubt, ein Meister zu sein, und bei dem die Karten in Wahrheit nur dazu dienen, die eigene Mimik zu üben. Dass dieses Ritual in St. Margarethen den Rang eines Brauchtums erreicht hat, ist die ehrlichste Aussage über den Zustand der Republik, die ein Wochenendbericht liefern kann. Wer hier nicht klopft, marschiert. Wer hier nicht marschiert, schnapst. Wer hier nicht schnapst, ist ohnehin Kassier und hat zu schweigen.
Zweiundzwanzig Jahre Führung sind kein Pappenstiel. In dieser Zeit hat der Mann das örtliche Brauchtum so tief durchdrungen, dass man sich fragt, ob das Maibaumfest überhaupt noch stattfände, wenn er einmal blinzelnd im Eck sitzen würde. Vermutlich schon. Nur würde es dann halt jemand organisieren müssen, der bereit ist, mit der Landjugend zu verhandeln, mit der Feuerwehr ein Bier zu trinken und mit der Blasmusik so lange höflich zu bleiben, bis die erste Landjugend-Mädl aufhört zu weinen, weil ihr die Holzlatte auf den Fuß gefallen ist. Männerfreundschaft als Last.
Man darf das alles nicht zu hart nehmen, denn sonst müsste man auch zugeben, dass in jedem Dorf eine kleine Bühne steht, auf der sich Männer gegenseitig applaudieren, weil sie einander seit Jahrzehnten kennen und niemand sonst mehr zuschaut. Es ist ein bisschen wie ein Stammtisch, der sich selbst ein Denkmal setzt, nur eben mit Vorstand und Protokoll. Sehr österreichisch. Sehr aufrecht. Sehr leer, wenn man genau hinschaut.
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der siebzig geworden ist, umringt von Funktionären, die ihm gratulieren, weil das Protokoll es so vorsieht, und einem Wirtshaus, das vermutlich erleichtert ist, dass an diesem Abend wenigstens die Getränke lukriert sind. Geburtstag, Schnapsen, Stelze, Maibaum, Stellvertreter. Das Leben geht weiter. Der Verein überlebt. Die Karten werden neu gemischt. Und der Obmann darf morgen wieder entscheiden, wann das Essen beginnt. Solange das funktioniert, funktioniert auch das Land.