Man muss sich das einmal vorstellen. Ein Mädchen aus Enns, einem Ort, den die meisten Österreicher bisher nur als jene Stelle zwischen Linz und der Autobahn kannten, an der man beinahe aufs Klo gehen müsste, fährt nach Slowenien und kommt mit zweimal Silber zurück. Zweimal! Der Pulk an wartenden Journalisten auf dem vereinsinternen Parkplatz vor dem ASKÖ-Gebäude war natürlich nicht zu übersehen, in etwa so groß wie jener am Wiener Ballhausplatz nach einer Wahl, nur ohne die Enttäuschung. Man reichte einander die Hände, man nickte, man flüsterte sich Begriffe wie “riesiger Erfolg” und “Turnier der Superlative” zu, und der Obmann Michael Peter Giel sprach mit der dezidierten Begeisterung eines Mannes, der gerade erfahren hat, dass der Kantinenbetrieb nach der Sommerpause tatsächlich wieder geöffnet hat. Stolz sei er. Riesig stolz. Hervorheben müsse man das. Die Formulierung war mit der Sorgfalt einer Festspielrede gewählt, in der die Pianistin namentlich aufgeführt wird, obwohl sie nur die Pausengong-Pedaltreterin war.
Die sportliche Analyse fällt derweil verheerend anders aus, als es die kollektive Laune vermuten lässt. Emma Gérard verlor nämlich beide Endspiele. Im Einzel gegen eine Polin, der im entscheidenden dritten Satz offenbar eingefallen war, dass man Badminton nicht mit freundlichem Nicken gewinnt, sondern mit Schmetterbällen, und im Doppel an der Seite einer Kärntnerin namens Shiqi Zhou, deren taktische Ausrichtung offenbar darauf beruhte, mit vereinten Kräften und höflichem Lächeln gegen die Nummer eins der Slowakei zu verlieren. Dass diese Slowakinnen eingespielt waren, wurde im offiziellen Sprachgebrauch als Erklärung herangezogen, was in etwa so viel aussagt wie die Begründung, warum der Wetterbericht am Donnerstag nicht stimmt, nämlich dass halt die Natur halt manchmal halt.
Nun aber zu Paul Gérard, dem Bruder, der mit seinen zehn Jahren in der U11 antrat und im Doppel notgedrungen bei den U13 mitspielen musste, weil es offenbar niemand für nötig befand, eine Altersklasse für Zehnjährige zu organisieren, die mit Schlägern statt mit Stoffhasen aufeinander einschlagen. Fünfter Platz im Einzel, was im Verein in etwa so gewürdigt wurde wie ein Meteoriteneinschlag auf dem Trainingsgelände. Man darf also gespannt sein, welche Hymne der ASKÖ Enns anstimmen wird, wenn der Junge irgendwann in ferner Zukunft einmal ein Match in seiner eigenen Altersklasse gewinnt. Die Tinte für die Plakate trocknet bereits.
Dass im Verein selbstredend keinerlei Pathos zu viel sein kann, zeigt das Begleitschreiben, das jeder Satz mit Stolz, Erfahrung und Entwicklung verziert, als würde man den Maturanten einer Hauptschule zum Abitur gratulieren. Es ist diese besondere oberösterreichische Gabe, aus einer Teilnahme an einem europäischen Jugendturnier ein Staatsereignis zu basteln, die einen aufmerken lässt. Noch bevor der erste Federball in Enns wieder den Hallenboden berührt hat, ist die nächste Delegation bereits in Planung, vermutlich nach Bratislava, dann nach Kopenhagen, irgendwann nach Reykjavík, und irgendwann steht dann ein heimisches Großereignis ins Haus, bei dem vielleicht der Herr Landeshauptmann persönlich die Silbermedaillen überreicht, die Schwester im Bierzelt interviewt und der kleine Bruder eine offizielle Ehrenmitgliedschaft im Kärntner Landesverband angeboten bekommt, weil man sich ja vernetzt.
Was am Ende bleibt, ist die beruhigende Erkenntnis, dass der heimische Sportbetrieb in seinem tiefsten Inneren doch funktioniert. Nicht etwa, weil man gewonnen hätte, sondern weil man die Niederlage so virtuos in einen Triumph umetikettieren kann, dass selbst die unterlegene Gegnerin aus Polen noch ein schlechtes Gewissen hat. Silber ist die neue Goldmedaille, Verlierer sind die neuen Gewinner, und Enns ist, man höre und staune, endgültig auf der sportwissenschaftlichen Weltkarte angelangt. Man darf sich also zu Recht fragen, wann die erste Briefmarke erscheint.