Es gibt ja bekanntlich zwei Sorten von Menschen in mittleren Managementetagen. Die einen kaufen sich im Flugzeug einen Business-Class-Sitz und glauben, das sei Charakter. Die anderen kaufen sich ein Sudoku-Heftchen und glauben, das sei Charakter. Beide irren, aber wenigstens stört die zweite Gruppe keine Mitreisenden.
Nun ist das harmlose Kästchenkreuz also offiziell ins Zeitalter der künstlichen Intelligenz katapultiert worden. Smart Sudoku, schwierig, Variante 731b, meldet Erfolg. Das heißt, ein Algorithmus meldet Erfolg. Der Mensch tippt nur noch ab und nickt dazu, wie er es bei Mails seines Chefs auch tut. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Wie es dazu kam, dass plötzlich eine Sechs in einem Feld steht, in dem vorher eine Zwei stand? Dafür ist die App zuständig. Verantwortung ist schließlich delegierbar, das weiß man seit der Einführung von Outlook-Teams-Meetings.
Die schwierigste Stufe ist dabei gar nicht das Rätsel selbst, sondern das, was rundherum passiert. Der klassische Büromensch, normalerweise ein Wesen, das Kaffee in sich hineinschüttet wie ein Kleinwagen Öl nachfüllt, greift plötzlich zum Bleistift. Zum ehrlichen, alten Bleistift, mit dem man auch noch radieren kann, falls der eigene Lebensentwurf doch nicht so aufgeht wie geplant. Das hat etwas Rührendes und gleichzeitig etwas zutiefst Verdächtiges. Niemand wird plötzlich achtsam, ohne ein Seminar besucht zu haben. Wahrscheinlich gibt es bald ein Modul dazu, irgendwo zwischen Achtsamkeit und Excel-Grundlagen.
Der wahre Sieger des Formats ist ohnehin das Ego. Wer das schwierige Rätsel löst, hat das Gefühl, den Tag gerettet zu haben. Den Chef überzeugt das nicht, die Kinder beeindruckt es nicht, aber wenigstens der Kater im Büro nickt anerkennend, wenn man die letzte Zahl einträgt. So sieht Sinnstiftung in der modernen Arbeitswelt aus. Nicht die Welt verändern, sondern ein paar Zellen sortieren und sich dabei fühlen wie Alexander der Eroberer, nur ohne Pferd und ohne Eroberung.
Natürlich gibt es auch die andere Fraktion. Jene, die Sudoku verachten und lieber Kreuzworträtsel machen, weil sie glauben, dass Wissen etwas sei. Diese Menschen sitzen in Großraumbüros und tuscheln über andere, die tuscheln. Sie korrigieren mit spitzen Fingern und leise gesprochenen Vokalen. Sie seufzen über die Leere in den Kästchen und die Leere in den Köpfen. Gegen sie hilft kein Algorithmus der Welt. Gegen sie hilft nur ein Wörterbuch mit besonders langen Fremdwörtern, die man niemand anderem erklären kann.
Dazwischen sitzt die wahre Zielgruppe dieses neuen Smart-Sudoku: der Mensch, der nach einem Tag voller Online-Meetings, in denen er hauptsächlich „Du bist stummgeschaltet, Walter“ gehört hat, endlich etwas lösen will. Bitte. Irgendetwas. Auch wenn es nur ein Quadrat ist. Es ist wenigstens ein Quadrat, in dem die Regeln noch stimmen und in dem es kein einziges „Können Sie das nochmal wiederholen, ich hatte Kamera aus“ gibt. Hier ist Walter, was er sagt, und das ist ausnahmsweise mal richtig.
Am Ende bleibt die tröstliche Erkenntnis, dass die Zivilisation selbst dann nicht untergeht, wenn 731b unlösbar bleibt. Sie geht unter, wenn die Leute glauben, dass 731b wichtig ist. Aber das ist eine andere Baustelle, und diese Baustelle hat leider keinen Anbieter, der einem nach getaner Arbeit stolz auf die Schulter klopft und ein Pop-up mit Konfetti schickt. Vielleicht kommt das ja mit Version 732. Bis dahin: Bleistift spitzen, Blick schärfen, innerlich überwintern.