Also das musste ja irgendwann so kommen. Irgendwann hat das Schicksal ein Einsehen, schickt dem Buerger ein paar Zahlen, ein paar Kaestchen, ein bisschen Hirnschmalz, und schon tobt die Nation. Smart Sudoku, Stufe sehr schwierig, Raetsel 728b, das klingt zunaechst einmal nach einer harmlosen Freizeitbeschaeftigung fuer Menschen, die sich nach Feierabend gern selbst quaelen, weil sie den Hausarzt vermissen.
Dabei faengt alles so friedlich an. Neun mal neun Felder, ueberschaubar, beinahe beruhigend in seiner geometrischen Schoenheit. Wer hier noch an ein Spielchen denkt, hat die Rechnung ohne den oesterreichischen Charakter gemacht. Wir sind schliesslich das Volk, das aus jedem Kaffeehausbesuch eine Staatskrise bastelt und aus jeder Wahl ein Weltuntergangsszenario. Da ist ein sehr schwieriges Sudoku nichts anderes als die logische Steigerungsform.
Schon nach den ersten Minuten zeigt sich, wer im Lande wirklich fuehrt. Es sind die, die behaupten, sie haetten das Loesungswort schon im Kopf. Es sind die, die es auch dann noch behaupten, wenn die eigene Kaffeetasse laengst kalt ist und der Partner dreimal gefragt hat, ob man noch lebe. Es sind die, die stolz ein einziges Feld ausfuellen und dann eine Pause brauchen, weil der Rest intellektuell offenbar einer Bergtour gleichkommt.
In den sozialen Netzwerken tobt unterdessen das ganz grosse Raetsel. Wer postet zuerst seine Loesung? Wer schafft es, mit ironischem Understatement zu glanzen? Wer markiert das Feld in der Mitte mit einem Ausrufezeichen, obwohl er gar nicht weiss, ob da eine fuenf oder eine sechs hingehoert? Das Volk will schliesslich sehen, wer den Durchblick hat, und sei es nur im kleinen Zahlenrahmen.
Bemerkenswert ist auch das Verhalten der Strategen, also jener Spezies, die behaupten, Sudoku sei lediglich eine Frage der Technik. Einer schwaetzt von X-Wing, ein anderer von Swordfish, ein Dritter prahlt mit lateinischen Quadraten, die vermutlich schon zu Roemers Zeiten niemand verstanden hat. Alle nicken bedeutungsvoll, als waere gerade das Wirtschaftsprogramm der Republik verhandelt worden, und keiner traut sich zu fragen, was ein Swordfish eigentlich sein soll, ohne Gefahr zu laufen, fachlich disqualifiziert zu werden.
Die wahren Verlierer sind freilich die Materialisten. Wer glaubt, mit einem besonders teuren Bleistift aus dem Fachgeschaeft den Durchblick zu erzwingen, hat die menschliche Psyche noch nicht verstanden. Wer mit rotem Stift korrigiert, anstatt einfach ein zweites Kaestchen zu nutzen, offenbart eine Verschwendungsmentalitaet, die jedem Steuerzahler das Blut in den Adern gefrieren laesst. Und wer schliesslich glaubt, ein digitales Geraet koenne die Loesung liefern, ohne dass der eigene Verstand in Mitleidenschaft gezogen wird, der hat offenbar noch nie erlebt, wie ein Smartphone behauptet, die Eingabe sei ungueltig, obwohl sie ganz offensichtlich richtig ist.
Am Ende bleibt die Gewissheit: Ein Raetsel, das aussieht wie ein harmloser Zeitvertreib, ist in Wahrheit eine Generalinventur des oesterreichischen Innenlebens. Wer hier ueberlebt, schafft auch die Pensionsreform. Wer an Feld vier scheitert, braucht sich ueber die kommenden Wahljahre gar keine Illusionen mehr zu machen. Und wer nach zwei Stunden immer noch glaubt, eine Drei gehoere in die Mitte, weil es sich halt so anfuehlt, der hat vermutlich auch sonst noch nie auf irgendjemanden gehoert.
So gesehen ist 728b vielleicht die ehrlichste Diagnose, die unser Land derzeit bekommt. Kein Ministerium, keine Expertenkommission, keine Talkshow haette es deutlicher formulieren koennen. Und sollte am Ende tatsaechlich die Loesung herauskommen, dann bitte: nicht im Internet verbreiten. Manche Buerger brauchen den Rest des Winters noch, um ihre Wuerde zurueckzugewinnen.