In der südöstlichsten Ecke des Landes, dort wo der Verkehr endet und die Geographie in slow, einzig die Donaudampfschifffahrt verbindet, vollzog sich am Wochenende ein kulturpolitisches Beben von fast schon europäischem Format: die Grazer Oper machte Sneak Preview. Zwei Mal durfte man das schon, jetzt wurde es Tradition, was bei Kulturinstitutionen nichts Gutes bedeutet, denn ab der dritten Wiederholung wird aus Avantgarde ein Stammtisch.
Der Spielort war diesmal die Bad Radkersburger Frauenkirche, also jenes barocke Kleinod, das seit Jahrhunderten dem persönlichen Seelenheil dient und jetzt dem persönlichen Karriereheil eines Intendanten. Das Schiff war voll, das Schiff war feierlich, das Schiff war schifflich überhaupt nicht vorbereitet auf das, was da kam: ein zwölfköpfiges Mini-Streichorchester, erweitert aus einem Oktett, weil eine glorreiche Marketingabteilung offenbar fand, Mini-Orchester klinge nach mehr, nach strenger Geheimdienst-Aktenführung, nach kleinerem Etat.
Auf dem Programm stand alles, was das Herz begehrt, wenn das Herz ein Saisonprospekt ist und der Magen schon knurrt. Ein „Che gelida manina“ als Appetithappen, ein Intermezzo aus „Bajazzo“ als amuse geule, beide „Bohémes“ parallel, was strenggenommen ein Vergehen an Leoncavallo ist, aber Intendanten ist die Wahl zwischen Puccini und Leoncavallo ungefähr so schwer wie zwischen Semmel und Spreisel, also wählt man beide, weil man es sich leisten kann. Ein „Vier letztes Lied“ von Strauss wurde hereingetragen wie ein gut gekühltes Begräbnis erster Klasse und kündigte für Frühjahr 2027 die Inszenierung der „Elektra“ an, was die Spannung erhöhte, den Puls erhöhte und in Radkersburg vermutlich nur den Blutdruck.
Der eigentliche Hauptdarsteller war freilich nicht Strauss, nicht Puccini, nicht das zwölfköpfige Ensemble, nicht einmal das barocke Schiff, sondern ein Mann mit Handy und einem Lächeln, das aussah wie ein Schaumbad in der Badewan. Dieser Mann dirigierte keine Note und sang keine Arie und trotzdem stand die Welt still, weil Intendant Ulrich Lenz das tat, was Intendanten am liebsten tun: er stellte ein Programm vor. Nicht musikalisch, sondern pressewirksam, mit ausgestreckter Hand, mit Blick nach oben, nach innen und nach allen Seiten gleichzeitig. Sneak Preview, so erklärte er dem Saal, sei ja eigentlich ein Begriff aus der Kinobranche, weshalb Opern eigentlich Kinos seien, weshalb Radkersburg eigentlich Hollywood sei, weshalb die Frauenkirche eigentlich ein Multiplex sei und die zwölf Streicher eigentlich ein Trailer.
Der Saal nickte, wie das Publikum nickt, wenn die Kultur sich zu Wort meldet. Man nippte an Mineral, weil Mineral zum Saisonstart gehört, und lauschte den Klängen, die durch das barocke Schiff schwebten, sich ein wenig verfingen in den barocken Gewölben und schließlich an den barocken Wänden abprallten wie ein untertäniger Diener, der zu früh klopft. Es war schön. Es war intoniert. Es war, wie man in der Branche sagt, maßgeschneidert. Was genau der Schneider war, blieb offen, aber die Akustik trug das ihre bei und das Haus trug die Akustik und die Kirchenbank trug das Haus und am Ende trugen alle das Ihre nach Hause.
Was am Sonntag in der Basilika des Stifts Rein geschah, war dann eher eine Fußnote, wenn auch eine festliche. Unter dem Motto „Unbeschreiblich“ ging das 30. Kammermusikfestival zu Ende, was die Veranstalter so wählten, weil sie nach dreißig Jahren die Worte verloren hatten, was verständlich ist. Beethovens Tripelkonzert erklang, drei Solisten, ein Orchester, drei Konzerte in einem, und das Publikum feierte, weil Beethoven halt Beethoven ist, auch wenn die Luft schon dünn wird.
Insgesamt war es also ein Wochenende wie aus dem Bilderbuch der kleinen Bühnen, an dem die Grazer Oper zeigte, dass sie auch ohne Graz kann, ohne Dach, ohne Foyer, ohne Klimaanlage, notfalls auch ohne Dach, notfalls auch ohne Opernhaus. Man brauche nur ein Schiff, ein Oktett, zwölf Streicher, einen Intendanten und das Selbstvertrauen einer Kleinstadt, die sich einbildet, eine Großstadt zu sein, was in der südöstlichsten Ecke des Landes Tradition hat und daher als unauslöschlich gelten darf.