Es ist September, die Sonne knallt auf den Schulhof, und irgendwo in Oberösterreich sitzen viertausend Volksschulkinder in stickigen Klassenzimmern und rechnen schriftliche Division. Freiwillig, versteht sich. Oder zumindest behaupten das jene, die das Ganze organisiert haben, als wäre es eine Art Erholungsprogramm. Man stelle sich das vor: Ein Kind wird im Sommer nicht in ein Schwimmbad gekarrt, nicht in ein Fußballcamp, nicht einmal zu den Großeltern nach Kroatien, sondern brav in die Sommerschule, wo es denselben Stoff nochmals vorgesetzt bekommt, den es im Schuljahr schon nicht verstanden hat. Sommerschule klingt ja irgendwie nach netter Abkühlung, nach Lernen wie im Urlaub, nach warmem Wind und aufgeschlagenen Heften. In Wahrheit ist es die schonungslose Antwort auf die Frage, was passiert, wenn ein Schulsystem neun Monate lang versagt und sich dann wundert, warum die Kinder im September wieder von vorne anfangen. Statt das Problem bei der Wurzel zu packen, wird kurzerhand ein weiteres Semester draufgepackt. Ferien ade. Wer braucht schon freie Tage, wenn er auch im August Mathe-Arbeitsblätter ausfüllen kann? Besonders rührend ist die Anekdote, die sich Bildungsfunktionäre gern erzählen: Da kommt doch tatsächlich ein nicht angemeldetes Kind in die Sommerschule, weil die Eltern offenbar der Meinung waren, ein Volksschüler lasse sich in den Ferien schon irgendwie durchfüttern. Und jetzt darf die öffentliche Hand das ausbaden. Man kann sich die Szene bildlich vorstellen. Ein Achtjähriger schlendert im Juli mit Badehose und Sandalen ins Schulgebäude, weil die Mama glaubte, das sei sowas wie ein Jugendzentrum mit WLAN. Stattdessen steht dort ein Lehrer, bereits im dritten Monat Dienstzeit, und lächelt professionell. So wie ein Kellner, der um zwei Uhr nachts noch die Speisekarte aufsagt. Vierhundert dieser abgebrühten Pädagogen stehen tatsächlich in den Ferien vor der Tafel, sommerschulfest, korrekt gekämmt und vermutlich mit derselben Mimik wie das Kind, das gerade seine Ferien verliert. Es gibt eine besondere Spezies Mensch, die findet das alles völlig normal. Funktionäre, die stolz verkünden, dass die Nachfrage heuer besonders stark sei, als handle es sich um eine neu eröffnete Eisdiele. Nachfrage! Bei einer Sommerschule! Man stelle sich vor, ein Tierarzt würde sagen, die Nachfrage nach Wurmkuren sei heuer besonders stark, und das ganze Land würde verstehen, dass mit den Hunden etwas nicht stimmt. Aber bei Kindern klingt das plötzlich nach Erfolg, nach Bildungsoffensive, nach politischer Großtat. Am besten gefällt die Logik dahinter. Die Schule funktioniert das ganze Jahr nicht besonders gut, also gibt es einfach mehr davon. Funktioniert das Auto im Winter nicht, fährt man halt auch im Sommer damit im Kreis. Schmeckt der Kaffee nicht, trinkt man halt drei Tassen. Die Sommerschule ist im Grunde die pädagogische Variante des Szechuan-Restaurants, das statt besser zu kochen einfach noch schärfer würzt, in der Hoffnung, dass man das Problem irgendwie überdeckt. Am Ende sitzen also 8000 Kinder in den Ferien in der Schule, weil irgendwer irgendwo beschlossen hat, dass Lernen dann am besten wirkt, wenn man es möglichst oft und möglichst lange macht. Vierhundert Lehrer leisten Überstunden, die Bildungsdirektion wickelt Anmeldungen ab, die niemand wollte, und alle klatschen artig. So sieht moderne Bildungspolitik aus. Nicht reparieren, sondern verlängern. Nicht hinterfragen, sondern aussitzen. Und im nächsten Sommer gibt es dann halt die Winter-sommerschule, damit auch die Weihnachtsferien nicht zur Erholung verschwendet werden.
Wissenschaft
Satire
Sommerschule als Volkssport: 8000 Kinder büffeln, weil die Eltern sonst verzweifeln
Kurzinfos auf einen Blick
- Überzeichnung der Debatte um die Sommerschule in Österreich, an der laut Vorlage rund 8000 Volksschulkinder teilnehmen
- Bissige Zuspitzung, dass die Sommerschule keine freiwillige Bildungsmaßnahme, sondern ein aufgestapeltes Zusatzsemester wegen neun Monaten Schulversagen ist
- Karikatur der 400 Pädagogen, die „sommerschulfest" in den Ferien unterrichten und dabei professionell lächeln wie Kellner um zwei Uhr nachts
- Running Gag mit dem nicht angemeldeten Kind, das in Badehose und Sandalen in der Sommerschule auftaucht, weil die Eltern sie für ein Jugendzentrum mit WLAN halten
- Kritik an der Verwechslung von Symptom und Ursache: Statt strukturelle Probleme im Regelbetrieb zu lösen, werden einfach die Ferien gestrichen und die öffentliche Hand zahlt
Häufige Fragen
Ist die Sommerschule in Österreich wirklich freiwillig?
Laut Artikel behaupten das die Organisatoren, die Satire bezweifelt das aber ironisch und unterstellt, dass Eltern in Wirklichkeit aus Verzweiflung einschreiben.
Was passiert mit dem nicht angemeldeten Kind in der Anekdote?
In der satirischen Erzählung schlendert es in Badehose ins Schulgebäude, weil die Mutter die Sommerschule für eine Art Freizeiteinrichtung gehalten hat, und wird von einem erschöpften Lehrer empfangen.