Man stelle sich vor, jemand packt zwei Koffer, setzt sich in einen Flieger und fliegt einmal kurz rüber, um zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln, was die beiden Hauptstädte seit Jahren nicht hinbekommen. Das ist, als würde man den Nachbarn, die seit Monaten den Gartenzaun mit der Motorsäge bearbeiten, mit einem Häkeldeckchen besänftigen. Aber sei es drum. Die USA haben einen Sondergesandten, und der Sondergesandte hat einen Termin, und der Termin hat eine Agenda, und die Agenda hat wenigstens drei Spalten in einer PowerPoint, also ist alles in bester Ordnung.
Zunächst einmal wird verhandelt. Nicht das, was man im Wörterbuch unter Verhandlung versteht, sondern das, was man auf internationalem Parkett darunter versteht, nämlich eine Geste. Eine Geste, die so viel hermacht wie ein Begräbnis mit Pomp, nur ohne den Toten. Es wird gelächelt, es wird fotografiert, es werden Getränke bestellt, die niemand anrührt, weil der Kaffee in Moskau ohnehin zu stark ist und jener in Kiew genau das Gegenteil bewirkt, was Verhandler brauchen: Klarheit.
In Kiew legt man eine Liste auf den Tisch. In Moskau legt man eine andere Liste auf den Tisch. Beide Listen beginnen mit einer Präambel von der Länge einer mittleren Sonntagspredigt, in der die eigene Position als alternativlos, historisch, moralisch überlegen und überhaupt schon immer richtig dargestellt wird. Punkt zwei der ukrainischen Liste verlangt den vollständigen Rückzug, und Punkt zwei der russischen Liste verlangt die vollständige Übergabe. Ab hier geht es dann richtig los mit der Diplomatie, das heißt, es geht gar nichts mehr, aber alle tun so.
In Wien, das ja bekanntlich Drehscheibe des Weltgeschehens ist, sitzt man derweil mit dem kleinen Brötchen in der Hand und schaut zu. Man nippt am Kaffee, man schüttelt den Kopf über die Eskalation, man formuliert Presseaussendungen, in denen das Wort Sorge vorkommt, und zwar mindestens dreimal pro Absatz. Es werden Sanktionen verlängert, die längst niemand mehr betreffen, weil die Betroffenen längst unter anderem Namen Geschäfte machen, aber das gehört zum Ritual. Die EU verhängt ein neues Sanktionspaket, so wie ein Hausherr, der bemerkt, dass die Heizung in der Mietwohnung schon wieder defekt ist, und beschließt, sie mit einem strengen Blick zu reparieren.
Unterdessen reist der Sondergesandte weiter. Er trägt einen Anzug, der aussieht, als hätte er ihn in einem Outlet gekauft, direkt nach dem Flug, und er trägt ein Gesicht, das sagt: Ich habe Friedensnobelpreisverdächtiges vor. Er spricht von Fahrplänen, von Korridoren, von Sicherheitsgarantien, als würde er eine Wohnungsbesichtigung für eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Wiener Gemeindebau moderieren. Hier die Küche, dort das Bad, die Fenster sind neu, die Nachbarn sind speziell.
Das Absurde ist natürlich, dass am Ende alle so tun, als wäre das jetzt der Durchbruch. Es gibt ein gemeinsames Communiqué, das in Wahrheit zwei Communiqués sind, die in zwei Sprachen vorliegen und in beiden das Gegenteil sagen. Es gibt eine Arbeitsgruppe, die sich nie trifft. Es gibt einen Zeitplan, der aussieht wie der Speiseplan einer Schulkantine, nur weniger abwechslungsreich. Und es gibt eine Pressekonferenz, bei der der Sondergesandte sagt, man sei näher beieinander als je zuvor, während die Dolmetscherin gleichzeitig übersetzt, dass man weiter voneinander entfernt sei als je zuvor.
Was bleibt, ist ein Sondergesandter mit zwei Koffern, einer PowerPoint und dem festen Glauben, dass man mit genügend Flügen und genügend Tabellen die Welt in Ordnung bringt. Die Welt wartet geduldig, schüttelt leise den Kaffeelöffel und macht sich keine Illusionen. Schließlich hat man in Wien schon den Ersten Weltkrieg mitverschuldet, da weiß man, wie Diplomatie funktioniert: Sie dauert, sie kostet, sie endet in Versailles oder in irgendeiner kleinen Vereinbarung, die niemand liest.