Irgendwo zwischen Alpen und Hochtechnologie, dort wo die Bayern angeblich an allem schrauben, was nicht schnell genug davonfliegt, wird erneut der Versuch unternommen, ein tonnenschweres Metallrohr mit österreichischer Hartnäckigkeit, also bayerischer, himmelwärts zu bugsieren. Die Rede ist von einer Rakete, die so modern ist, dass sie sich offensichtlich weigert, ihren alten Job zu wiederholen. Nach gescheiterten Anläufen kündigt das Start-up nun mit der Gelassenheit eines Mönchs im Fegefeuer den nächsten Versuch an. Samstagabend, 22 Uhr, Andøya. Eine Uhrzeit, die jeder rationale Mensch nutzt, um die Spätnachrichten zu verinnerlichen, das Bier zu öffnen oder den Partner zu fragen, ob er den Hund schon gefüttert hat.
Spectrum heißt das gute Stück, benannt vermutlich nach jenem physikalischen Phänomen, das erklärt, warum manches nie so ankommt, wie es soll. Vom norwegischen Weltraumbahnhof aus soll sie abheben, jenem Flecken Erde, der so weit oben liegt, dass die Mieten für Krähen besonders hoch sind. Wer schon einmal versucht hat, in Trondheim spontan eine Werkstatt aufzusperren, ahnt, wie enthusiastisch die logistische Infrastruktur nördlich des Polarkreises gerade nachts funktioniert. Man darf sich das Ganze also vorstellen wie eine Hochzeit in kleinstem Kreis, mit großem Feuerwerk und dem ehrlichen Wunsch, dass wenigstens das Brautkleid heil bleibt.
Nun ist ein weiterer Startversuch an sich schon ein Begriff, der in der Raumfahrt die gleiche Wirkung entfaltet wie das Wort „schaungemma“ in einem Wiener Stammcafé, eine Mischung aus Trotz, Routine und dem stillen Eingeständnis, dass es vorher halt nicht so gut gelaufen ist. Man darf spekulieren, ob die Verantwortlichen mittlerweile einen Glücksbringer im Triebwerk deponiert haben, eine halbierte Marzipankartoffel vielleicht, oder ob die Firmenphilosophie inzwischen lautet, dass jedes Scheitern nichts anderes ist als ein „vertikales Parkmanöver mit Lerneffekt“. Immerhin ist das bayerische Selbstbewusstsein traditionell so gefestigt, dass selbst ein Raketenstart mit dem Brustton der Überzeugung als Weltpremiere angekündigt wird, egal wie viele echte Premieren bereits still in der Nordsee ruhten.
Dass das Spektakel ausgerechnet um 22 Uhr stattfinden soll, hat durchaus etwas Tröstliches. Wer zu spät arbeitet, hat wenigstens die Chance, gleichzeitig eine Rakete scheitern oder, optimistisch betrachtet, spektakulär gelingen zu sehen und dabei den Abwasch zu erledigen. Man kann nur hoffen, dass die Anwohner von Andøya, die ohnehin schon damit beschäftigt sind, Rentiere zu zählen und die Mitternachtssonne zu ignorieren, nicht ausgerechnet am Samstagabend mit Lachs grillen auf der Terrasse stehen, wenn plötzlich der liebe Gott eine Lunte zieht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet der Himmel über Nordnorwegen an einem Samstag um 22 Uhr gnädig dreinschaut und nicht in gewohnt mürrischer Laune eine Wand aus Wolken vorhält, ist naturgemäß dieselbe wie die, dass ein Tiroler auf der Alm seinen Speck teilt ohne zu verhandeln.
Sollte es klappen, wird die Welt nicht reicher, ärmer oder jünger, aber die Branche darf sich wieder einmal als Garant großer Gesten feiern. Sollte es nicht klappen, bleibt die Erkenntnis, dass der liebe Gott ein Bayer ist und deshalb Wiederholungen liebt. Und falls Spectrum erneut am Boden bleibt, dann wenigstens mit Anlauf, Programmpunkt und dem aufrichtigen Versprechen, am übernächsten Samstag ganz sicher, also eventuell, vielleicht, schau ma mal, wieder zu kommen.