Jahrelang hat die Menschheit dafuer gekämpft, dass ein guter Song nicht nur gefällt, sondern auch ein klein wenig verdient. Nun übernimmt eine KI das Ruder und die Industrie kann aufatmen: Endlich muss niemand mehr so tun, als hätte er Geschmack. Man klickt, die Maschine rät, und am Ende bekommt man serviert, was angeblich das eigene Ich ist – minus die lästige Erfahrung, minus den Irrtum, minus den Sonntagmorgen, an dem man aus Trotz einen Achtziger-Jahre-Schlager hört.
Die neue Funktion besteht im Wesentlichen aus der gleichen Idee, mit der schon seit Jahren versucht wird, dem Volk das Denken abzugewöhnen: Aus vielen Daten wird ein Profil gebaut, aus dem Profil ein Vorschlag, aus dem Vorschlag ein Konsum. Man stelle sich das vor wie einen überfreundlichen Sommelier, der nicht nur weiß, welcher Wein zum Fisch passt, sondern auch noch im Vorhinein die Laune errät, das Wetter einkalkuliert und die Steuererklärung gleich miterledigt. Bloß dass dieser Sommelier kein Mensch ist, sondern ein Vorschlagswesen, das sich Digital Nativ schimpft und bei jeder Gelegenheit behauptet, man selbst zu sein.
Natürlich jubeln die Verantwortlichen, als hätten sie das Rad neu erfunden, obwohl das Rad seit mindestens zehn Jahren quietscht. Eine KI, die personalisiert, sei das Ende der ewigen Sucherei, heißt es. Die ewige Sucherei, das war jener Zustand, in dem man noch selbst entschied, was man hört, und sei es falsch, peinlich oder von einer Band aus den Neunzigern, die kein Mensch mehr kennt. Dieser Zustand gilt offenbar als unzumutbar. Wer künftig noch selbst durch ein Archiv scrollt, macht sich verdächtig, ein Romantiker zu sein, womöglich mit eigenem Willen, und das ist in der datengetriebenen Gegenwart praktisch ein Vergehen.
Besonders reizend ist die Vorstellung, dass die Maschine den Menschen künftig nicht nur beim Hören, sondern gleich beim Fühlen unterstützt. Braucht der User gerade etwas Aufbauendes? Die KI weiß es. Ist der User traurig und will schmollen? Die KI hat einen sanften Indie-Titel parat. Möchte der User tanzen, weil er betrunken ist? Hier kommen vier Tracks, die er ohnehin schon kennt, weil sie auf jeder Playlist stehen, die das System ihm in den letzten drei Monaten eingebrannt hat. Das ist keine Empfehlung, das ist digitale Fürsorge, weichgespült, gamifiziert und am Ende genauso vorhersehbar wie die Speisekarte in einem Bundesländerbuffet.
Die wirklich absurde Pointe aber liegt darin, dass eine Branche, die jahrzehntelang davon lebte, dass irgendjemand aus dem Nichts einen Ton zusammenhält und behauptet, das sei Kunst, jetzt feiert, dass eine statistische Wahrscheinlichkeit den Job besser macht. Wenn das stimmt, dann waren all die Songwriting-Abende, die zerknautschten Notizbücher, die zerbrochenen Beziehungen, die irgendwann ein gutes Album ergaben, offenbar nur ein Rechenfehler. Man darf sich das gerne als Fortschritt vorstellen, so wie der Aufzug auch ein Fortschritt war, bloß dass man seitdem das Treppenhaus nicht mehr kennt.
Am Ende bleibt der Verdacht, dass die Menschheit hier nicht entlastet, sondern entmündigt werden soll, und zwar mit ihrer eigenen Begeisterung. Die KI ist der freundliche Briefträger, der einem die Post schon vorsortiert ins Wohnzimmer stellt, damit man gar nicht erst auf die Idee kommt, selbst zum Briefkasten zu gehen. Dort könnte ja etwas liegen, das niemand vorher berechnet hat. Und wer weiß, vielleicht wäre es schön. Aber wer will das schon, wenn die Maschine es einem auch ohne schön machen kann, und zwar garantiert im Abo.