Stellen Sie sich vor, Sie bestellen in einem Gasthaus ein Schnitzel, und der Kellner sagt Ihnen mit ernstem Blick: Aus bedienungstaktischen Gründen darf ich Ihnen nicht verraten, ob es Schnitzel gibt, ob es klein ist, und ob es überhaupt eine Küche gibt. Sie würden den Wirt wechseln. Die Staatsanwaltschaft Wels hat diese hohe Kunst der gastronomischen Verschwiegenheit mittlerweile zur Berufung erhoben.
Da liegen am Dienstag spielende Kinder am Ufer der Ager im Ortsteil Dürnau herum, wie das Kinder nun einmal tun, nämlich dort, wo man sie nicht vermuten würde, und finden eine 53-jährige Frau aus Laakirchen, die offensichtlich nicht mehr die Energie hat, Kindern beim Spielen zuzuschauen. Sie weist Stichverletzungen auf, was medizinisch betrachtet eine schlechte Nachricht ist und polizeilich betrachtet den Arbeitstag deutlich verlängert. Die Ermittler, ergriffen von der Situation, entschließen sich zu einem beispiellosen Schritt: sie ermitteln.
Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Fall ist aber nicht die Tat, sondern die Pressearbeit. Oder besser gesagt, die kunstvolle Verweigerung derselben. Ein Sprecher bestätigt das, was bereits jeder in der Nachbarschaft weiß, weigert sich aber gleichzeitig, irgendetwas zu bestätigen, was über das hinausgeht, was ohnehin niemanden mehr überrascht. Das ist die hohe Schule der Information: Du redest eine Dreiviertelstunde lang und hast am Ende exakt nichts gesagt, was nicht auch der Hund von nebenan herausgefunden hätte.
Besonders elegant ist der Hinweis, eine gewisse andere Zeitung habe berichtet, die Dame sei aus einer psychiatrischen Klinik abgängig. Ob das stimmt? Darüber schweigt man geflissentlich. Aus ermittlungstaktischen Gründen, versteht sich. Man stelle sich vor, die Polizei würde verraten, ob eine abgängige Person tatsächlich abgängig war. Das wäre ja, als würde der Wetterbericht verraten, ob es tatsächlich regnet. Chaos. Anarchie. Der Untergang des Abendlandes, ausgelöst durch eine ehrliche Pressekonferenz in Wels.
Die Obduktion wurde angeordnet, was im Grunde der einzig ehrliche Satz in der gesamten Mitteilung ist. Irgendjemand muss die Stiche halt jemandem zuordnen, und solange das nicht geklärt ist, tapst die Behörde durch die Ermittlungen wie durch einen dichten Nebel im Salzkammergut. Man hört zwar Schritte, aber es könnten auch die eigenen sein.
Natürlich darf man den Beteiligten keinen Vorwurf machen. In Österreich ist Verschwiegenheit eine Tugend, die man in der Volksschule lernt, im Kegelverein perfektioniert und im öffentlichen Dienst zur Kunstform erhebt. Wer hier zu viel sagt, ist verdächtig. Wer zu wenig sagt, ist vorbildlich. Die goldene Mitte ist jener Beamte, der so lange schweigt, bis die Journalisten von selbst aufgeben, was bei den hartnäckigeren Vertretern ihrer Zunft erfahrungsgemäß irgendwann zwischen Dienstag und dem nächsten Skandal passiert.
Was bleibt, ist ein stiller Uferweg bei Dürnau, an dem Kinder künftig vermutlich lieber Drachen steigen lassen als zu spielen, und eine Staatsanwaltschaft, die so lange ermittelt, bis sie irgendwann feststellt, dass sie ermittelt hat. Man darf gespannt sein, welche Erkenntnisse das sein werden. Bekanntgeben wird man sie natürlich nicht. Aus ermittlungstaktischen Gründen.