Wer dieser Tage in der Steiermark wandert, braucht kein Wasser, sondern Fantasie. Am Semriacher Kesselfall etwa, einst ein Ort, an dem sich das Nass lautstark zu Tale stürzte, hört man derzeit nur das leise Rascheln von Postkarten, die im Souvenirshop verstauben. Die örtliche Tourismusagentur hat den Prospekttext trotzdem nicht geändert. Dort steht weiterhin "rauschendes Naturschauspiel", was ambitionierte Juristen irgendwann sicher als künstlerische Interpretation durchwinken werden. Hauptsache, die Gruppenfotos stimmen, und die Hashtags sitzen.
Nebenan, in der Lurgrotte, geht es kaum weniger gespenstisch zu. Die Tropfsteine, diese geduldigen Steinzeitbummler, tropfen mittlerweile im Stundentakt. Eine Besucherin aus dem Burgenland soll nach zwanzigminütigem Warten gefragt haben, ob man den Tropf nicht per Knopfdruck auslösen könne, wie beim Brunnen im Freibad. Die Grotte habe daraufhin stumm geschwiegen, was offenbar ihrem Naturell entspricht. Das Führungspersonal empfiehlt inzwischen meditative Atemübungen, damit der Blick aufs feuchte Nichts nicht zur Glaubensfrage wird.
Auf der Sulm gestaltet sich die Kanufahrt sportlich, weil die Sulm sich zunehmend als Hügel im Trainingsanzug tarnt. Freizeitpaddler schieben ihre Boote derzeit eher, als dass sie rudern, weshalb der örtliche Sportverband die Disziplin umgetauft hat: Statt Kanu fährt man jetzt Kanu-Tragen, was olympisch klingt und nach Schweiz. Die Organisatoren versprechen, dass die Strecke mit jedem Meter anspruchsvoller werde, weshalb die Teilnehmer bereits applaudieren, bevor sie losgewatschelt sind. Wer in der Sulm kentert, gilt als mythologisch.
Die Landesregierung hat die Lage selbstverständlich fest im Griff. Ein Sprecher erklärte, man führe Gespräche mit dem Wasser, die auf einem guten Weg seien, der allerdings noch etwas dauern könne, weil das Wasser gerade schwer erreichbar sei, unter anderem wegen Personalmangels im Himmel. Ein Sofortprogramm sieht vor, künftig verstärkt auf Weihwasser und Trinkhalme auszurüsten, wobei Letztere mangels Flüssigkeit eher symbolischen Charakter haben. Der Name "Steiermark" stammt bekanntlich aus einer Zeit, als die Region noch wusste, was Regen ist, und das soll auch so bleiben.
Unterdessen geben sich die Ausflüglerinnen und Ausflügler tapfer. Sie wandern bei dreißig Grad in Tarnfarbe über ausgedörrte Wiesen, schleppen ihre Kinder zum Picknickplatz und tun so, als wäre der Bach nebenan ein romantischer Gebirgsbach und nicht ein feuchter Strich in der Landschaft. Die Gastronomie vor Ort hat die Speisekarte bereits angepasst. Statt Forelle gibt es jetzt "Forelle früher", eine Speise aus Erinnerung und Beilagen, serviert auf Geschirr, das aussieht, als hätte es der Bach selbst mitgebracht, hätte er denn welchen.
Das eigentliche Naturwunder ist deshalb nicht der Kesselfall oder die Grotte, sondern der steirische Optimismus, diese unerschütterliche Fähigkeit, über jeden noch so trockenen Witz zu lachen und jeden ausgetrockneten Wasserfall als Familienausflugsziel zu adeln. Vielleicht ist das die wahre Klimawandelanpassung: nicht Deiche, nicht Brunnen, sondern Jausenpickerl und die Gewissheit, dass das Wetter schon wieder werde. Was die Steiermark kann, ist Warten, und wenn die Warterei auf Wasser warten heißt, dann ist sie Weltmeister.