Man stelle sich vor, der Winter kommt, die Steier verschwindet unter einer dünnen Schneedecke, und ausgerechnet dann stellt sich heraus, dass das, was wir seit Jahrzehnten auf Gehsteige kippen, gelegentlich kleine krebserregende Überraschungen enthält. Natürlich nicht aus böser Absicht. Die Berge können nichts dafür. Die Asbestfaser ist halt ein Naturtalent und schleicht sich in Steinmehle ein wie die Büroklammer in den Aktenvernichter. Das Land Steiermark hat das nun entdeckt, oder zumindest daran erinnert, und reagiert, wie die heimische Verwaltung auf jede ärgerliche Entdeckung reagiert: mit einem freundlichen Empfehlungsschreiben.
Inhaltlich geht es um die schlichte Botschaft, dass man künftig bitte, wenn möglich, nur noch solchen Streusplitt verwenden möge, der von irgendjemandem mit irgendeinem Stempel als asbestfrei bescheinigt wurde. Ein gesetzliches Verbot, irgendetwas zu unterlassen, gibt es natürlich nicht, weil Verbote ja immer so belehrend wirken und die Selbstverantwortung der Gemeinden untergraben würden. Also wird empfohlen, gebeten, nahegelegt, angeregt, insiniiert und mit dem gewohnt warmen Landeslächeln darauf hingewiesen, dass man halt aufpassen soll. Besonders dann, wenn man nicht will, dass Passanten beim nächsten Spaziergang unbewingt quarzige Lungengrüße mit nach Hause tragen.
Umweltlandesrat Hannes Amesbauer spricht in diesem Zusammenhang von einem verantwortungsvollen Winterdienst, was ungefähr so überzeugend klingt wie ein Schlankheitsversprechen aus der Hüttenwirtsküche. Es gehe darum, frühzeitig und sachlich zu informieren, betont er, was die höfliche steirische Umschreibung dafür ist, dass man die Hosen schon mal vorsorglich heruntergelassen hat, falls später jemand fragt, warum denn niemand etwas gesagt habe. Man habe ja gesagt. Nur halt weich, mit Samthandschuhen, in einem Empfehlungsschreiben, das ungefähr die rechtliche Wucht eines freundlichen Zuredens beim Nachbarschaftsfest hat.
Besonders rührend ist die Konstruktion der Zuständigkeit. Die Gemeinden entscheiden nämlich selbst. Ganz allein. Sie wählen aus, ob sie Salz kaufen, Sole kaufen, Splitt kaufen oder gleich alles auf einmal und schauen, was am billigsten ist. Das Schreiben des Landes dient dabei, so liest man, als fachliche Empfehlung und Orientierung. Was im Klartext heißt: Wenn etwas schiefgeht, hat das Land lediglich empfohlen, die Gemeinde hat selbst entschieden, und der Splitthändler hat geliefert, was er schon immer geliefert hat. Verantwortungstechnisch ein perfekter Kreis, in dem jeder beteiligt ist und niemand zuständig.
Man darf sich das Szenario bildlich vorstellen. In einem kleinen Gemeindeamt sitzt jemand vor einer Tasse Kaffee, die schon seit sechs Jahren dort steht, und liest das Schreiben. Darin steht, dass die Asbestfaser eine Naturbelastung sei, die man durch Zertifikate in den Griff bekomme. Der Brief wird abgeheftet, links unten neben dem Schreiben über die neue Hundeabgabe, und der gemeindeeigene Bauhof bestellt wie jedes Jahr beim selben Händler, weil dort die Lieferung schon um halb sechs früh vor der Tür steht. Zertifikat? Hat er. Ist es echt? Ach, wer wird denn so genau fragen, schließlich ist das ja nur ein Splitt, der auf einer Straße landet, die im Frühling sowieso wieder zugeschmiert wird.
So pendelt sich die Sache ein, wie sich so vieles in der Republik einpendelt. Es gibt ein Problem, es wird ein Schreiben verfasst, das Schreiben wird verteilt, die Verteilung wird vermerkt, und am Ende des Winters liegt der Schnee, liegt der Splitt, und liegt vermutlich auch irgendwo eine Faser, die jetzt ihren großen Auftritt im Lungengewebe der Bevölkerung feiert. Beruhigend wirkt dabei, dass das Land seine Hausaufgaben gemacht hat. Empfehlung verschickt, Verantwortung delegiert, Häkchen gesetzt. Nur der Winter, der fragt bekanntlich nicht nach Zertifikaten.