Es war ein historischer Moment, als der Gemeinderat am Dienstagabend die große Stoffkrise ausrief. Niemand hatte damit gerechnet, schon gar nicht die Schneiderin im Ort, die seit drei Generationen fest damit rechnete, irgendwann einmal Stoff zu verkaufen. Nun aber ist Schluss. Kreuze müssen runter, Kopftücher müssen weg, und selbst die kleine rote Kappe, die der Bürgermeister bei jeder Feuerwehrübung trägt, steht unter Generalverdacht, irgendetwas zu symbolisieren. Nur seine AirPods, sagt er, seien garantiert neutral, weil man sie nicht sieht, solange er redet.
Die Sitzung dauerte viereinhalb Minuten, was für die Verhältnisse der Gemeinde einem Denkmal gleichkommt. Danach sprach der Bürgermeister von einem Befreiungsschlag für die Demokratie und für die Jugend und überhaupt für die Menschheit. Die Freiheit, sagte er feierlich, beginne da, wo der Stoff aufhöre. Diesen Satz habe er übrigens von einer Plakatwand, weshalb die Herkunft juristisch einwandfrei sei.
Anschließend berief er einen runden Tisch ein, der nicht rund war, weil kein Tisch rund war, sondern weil der Bürgermeister die Geometrie der Diskussion für wichtiger hielt als die Diskussion selbst. Am runden Tisch saßen ein Pfarrer, der kein Kreuz mehr aufhängen durfte, eine Lehrerin, die ohnehin keinen Lehrer mehr bekommt, eine Mutter, die ihren Sohn aus Höflichkeit mitgebracht hatte, und der Schüler selbst, der in der Sitzung aus lauter Höflichkeit einschlief. Am Ende wurde einstimmig beschlossen, dass ab sofort alle Textilien verboten sind, die mehr als drei Symbole pro Quadratzentimeter tragen. Karnevalskostüme ausgeschlossen, weil Fasching bekanntlich eine Schutzmacht hat.
Die integrationstechnische Wende ließ nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Morgen standen die Schüler in Unterhosen vor dem Schultor und diskutierten frei und ungezwungen über den Islam, die Demokratie und den Lehrplan. Einige fragten allerdings, woher sie jetzt wissen sollten, wer welche Religion hat, und ob das Schulgebet noch stattfindet, und ob der Herr Direktor bitte trotzdem eine Krawatte tragen dürfe, weil er sonst friere. Der Herr Direktor antwortete, auch er sei jetzt nur noch Mensch, was historisch betrachtet eine deutliche Verbesserung sei.
Die wahre Revolution jedoch fand in der Schulbibliothek statt. Jahrelang hatten die Kinder dort gelernt, dass ein Kreuz nicht automatisch fromm macht und ein Kopftuch nicht automatisch rückständig. Nun endlich, nach diesem großen Befreiungsakt, werden sie es auch glauben. Denn wenn man ein Kleidungsstück verbietet, verschwindet bekanntlich jede Form von Druck, Ausgrenzung, Ungleichheit und pubertärer Scham gleichzeitig. Dies haben Studien aus mindestens einem Bundesland ergeben, das die Studie selbst in Auftrag gegeben hat, weshalb die Ergebnisse besonders unabhängig sind.
Gegen Abend trat dann die Religionslehrerin vor die versammelte Gemeinde und stellte eine Frage, die niemand hören wollte. Sie fragte, ob die getroffenen Maßnahmen eigentlich auch die echten Probleme lösen, also jene, die ohnehin schon da waren, als noch niemand über Kopftücher redete. Sprachdefizite, Lehrermangel, kaputte Fenster, ein Schulhof, der aussieht wie nach einem kulturellen Erdbeben, und der Verdacht, dass manche Kinder seit drei Generationen nicht mehr wissen, was ein Ferienjob ist. Sie habe, sagte sie, Verständnis für jedes Verbot, das die Schulleitung entlaste, aber sie frage sich halt, ob die Schulleitung überhaupt noch entlastet werden müsse, wenn sie ohnehin nichts mehr entscheide.
Der Bürgermeister antwortete, man werde die Frage selbstverständlich in einer der nächsten Sitzungen behandeln, spätestens nach dem Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr, das diesmal unter dem Motto stehe Stoff her, wir zeigen Flagge. Alle Anwesenden applaudierten. Nur die Schneiderin weinte ein bisschen.