Da hat also eine Künstlerin in einem Stift irgendwelche musealen Gegenstände gesehen, zwei Berliner Photographen sind zufällig vorbeigekommen, haben einander erkannt, sich zugenickt und gedacht: Ausstellung, Atelier, Kameras, fertig ist die Homestory. So schnell kann aus einem Museumsbesuch in der Steiermark ein fotografisches Langzeitprojekt werden, vorausgesetzt man hat das nötige Sendungsbewusstsein im Gepäck und das passende Kraftfeld im Kopf.
Die Vorgehensweise ist bestechend einfach. Man betritt das Atelier einer Künstlerin, schaut sich um, entdeckt einen Pinsel, eine halbleere Kaffeetasse, einen Skelettfund von 1872, drapiert alles auf einem Tisch und spricht anschließend von einer unverwechselbaren Bildsprache, die bereits in Russland, den Niederlanden und der Schweiz bestaunt wurde. Dass die Schweiz im selben Satz vorkommt wie Russland, ist kein Widerspruch, sondern Beleg für die grenzüberschreitende Kraft derart inszenierter Stillleben. Dass die Stillleben stumme Zeugen einer Existenz sind, versteht sich von selbst, denn alles, was nicht fotografiert wird, hat in solchen Konzepten ohnehin keine Existenzberechtigung.
Besonders rührend ist die Behauptung, man wolle die Welt der Künstlerin mit den Augen der beiden Photographen betrachten. Was im Klartext heißt: Die Künstlerin wird gar nicht mehr selbst gesehen, sondern nur noch durch das Objektiv zweier Herren, die das Kraftfeld um die Dingwelt offenbar so weit spannen können, dass die ganze Biografie einer Frau in ein Stillleben passt. In Villach, der Geburtsstadt der Künstlerin, gibt es zu diesem Arrangement vermutlich wenig Widerspruch, weil das Haus der künstlerischen Begegnung exakt der passende Rahmen für eine solche Begegnung ist, und sei es nur zwischen zwei Berlinern und dem örtlichen Kulturamt.
Die Vernissage beginnt, wie Vernissagen in Österreich immer beginnen: pünktlich um sieben, mit einem Glas Wein, das niemand bezahlen will, und einer Rede, die niemand braucht. Die Photographen werden vermutlich erklären, dass die Gegenstände in Beziehung zueinander stehen und ein tiefgründiger Resonanzraum entsteht, während die Vernissagengäste höflich in denselben Resonanzraum blicken und sich fragen, ob der Museumscharakter des Ganzen nicht nur an den Objekten hängt, sondern auch am Honorar der Beteiligten. Die Ausstellung läuft bis Ende Oktober, also lange genug, dass selbst das Kraftfeld irgendwann nachlässt und die stummen Zeugen endlich wieder ihre Ruhe haben.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass in Villach niemand mehr einfach nur malt, sondern dass jeder Pinselstrich die Einladung an Photographen aus Berlin provoziert, die ganze Stadt zu einer Homestory zu machen. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn des Hauses der künstlerischen Begegnung: Man begegnet einander, bis man eine Ausstellung hat, und die Ausstellung hat man, bis man eine nächste plant. So schließt sich der Resonanzraum, und das Kraftfeld ruft höflich zur Vernissage.