Man stelle sich vor, Österreich hätte ein Einwanderungsamt, das so effizient arbeitet wie die Kärntner Küchenbrigade anno 1963. Ein betrunkener Küchenchef, ein vierzehnjähriger Kartoffelschäler, ein Rauswurf auf die Draubrücke, schon wandert der zukünftige Weltstar aus. Hätte der damalige Post-Hotel-Küchenbulle nur geahnt, dass er gerade den Gründer von hundert Restaurants und fünftausend Arbeitsplätzen in die Wüste schickt. Er hätte vermutlich noch einen Teller Krautfleckerl draufgelegt.
Gut sechzig Jahre später sitzt derselbe Kartoffelschäler im Großen Wappensaal und wird „Weltösterreicher 2026“ genannt, als hätte er den Titel beim Würstelprater unter dem Arm geklaut. Die Anwesenden weinen, klatschen, reden von Brücken zwischen Heimat und Welt und schreiben Urkunden, dass einem die Tinte schon beim Zuhören die Seele verätzt. Ein Landeshauptmann schwört, er werde für Puck etwas Essbares kochen, und der gesamte Saal nickt tapfer, weil in Kärnten Kochen bekanntlich eine Frage der Ehre ist, die man gefälligst mit einer Nachprüfung in der Hotelfachschule absolvieren sollte. Wie ein anwesender Staatssekretär aus leidvoller Erfahrung bestätigen kann.
Der schönste Satz des Abends kommt allerdings vom Weltbund-Präsidenten, der den versammelten Auslandsösterreichern erklärt, man dürfe sie nicht ausbürgern, wenn man sie zurückhaben wolle. Eine Logik, die in etwa so funktioniert wie der Versuch, einen Wirt mit der Drohung, ihm nichts zu zahlen, auf seine Seite zu ziehen. Aber bitte, in Kärnten war die Politik schon immer ein Menü mit vielen Gängen, von denen keiner satt macht.
Dass ausgerechnet ein Koch diese Bühne bekommt, hat natürlich eine gewisse Ironie. Wo doch die meisten politischen Reden nach dem gleichen Rezept funktionieren: ein Schuss Pathos, ein Löffel Selbstlob, eine Prise Heimattümelei, alles garniert mit dem Hinweis, dass man selbst ja eigentlich auch ganz bescheiden sei. Puck nimmt das entgegen, wie es sich gehört, mit gerührtem Blick und der Würde eines Mannes, der weiß, dass Tränen auf der Bühne das sind, was Spargel zum Menü: nett, aber nicht zwingend.
Die wirklich dringende Angelegenheit aber ist die doppelte Staatsbürgerschaft für Auslandsösterreicher, denn offenbar sitzen 640.000 Landsleute im Ausland und warten sehnsüchtig darauf, sich in der Heimat wieder über die gleiche Bürokratie zu ärgern, der sie einst entflohen sind. Wäre das nicht, als würde man einen Kärntner in ein Büro setzen, damit er sich selbst den Parkplatz sucht? Es gibt schlimmere Strafen. Aber vielleicht ist genau das der Plan: Wer einmal das echte Österreich erlebt hat, der weiß die Sonne in Monaco gleich doppelt zu schätzen.
Am Ende bleibt die große Frage, die an diesem Abend niemand zu stellen wagte: Was würde passieren, wenn Puck tatsächlich in Kärnten ein Restaurant eröffnet? Wird es das erste Lokal sein, in dem der Koch die Gäste nicht nur mit dem Essen, sondern auch mit dem Konzept Heimat traktiert? Gibt es einen Menüpunkt, der nennt sich „Rückkehrer Nockerl mit Doppelter-Pass-Beilage“? Wird die Bedienung in Tracht nachschenken und beim Abservieren fragen, ob man sich schon wieder hat ausbürgern lassen?
Wahrscheinlich bleibt es bei der wohlfeilen Geste, wie immer in diesem Land. Eine Ehrung, eine Träne, ein paar Worte über Wurzeln, ein Foto mit Gattin, ein bisschen Pathos, und am nächsten Tag geht die Welt unter, ohne dass jemand was gekocht hat. Aber immerhin, der Landeshauptmann hat sich an den Herd gestellt. Was soll man da auch erwarten außer Rauch.