London, Stadt der Gentlemen, der Bowler Hats und der höflich formulierten Beschwerdebriefe, ist um eine Attraktion reicher. Ab sofort fahren dort Taxis, in denen niemand mehr sitzt, der sich beschweren könnte. Die Idee dahinter ist bestechend einfach. Wenn schon der Passagier ständig motzt, soll wenigstens das Auto schweigen. Und damit das Ganze nicht nach billigem Sparkurs riecht, nennt man es natürlich Revolution.
Uber, ein Konzern, der sich traditionell dadurch auszeichnet, dass er weder Autos noch Personal besitzt, sondern nur die App, mit der alles bezahlt wird, hat den Sprung in die Zukunft gewagt. Die Zukunft heißt in diesem Fall: ein Fahrzeug, das nicht weiß, wo es ist, aber trotzdem losfährt. Der technologische Partner heißt Wayve, was sich bescheiden anhört, aber vermutlich bedeutet, dass das Ding beim Einparken einfach wegrennt. Der Chef des Ganzen spricht von einer Premiere in der Heimatstadt und klingt dabei so aufgeregt, als hätte er persönlich den Big Ben erfunden.
London ist übrigens erst die zweite europäische Stadt, in der diese Wunderwerke rollen. Die erste war Zagreb, was manche als kühne Vision werten und andere als Beweis, dass in Zagreb halt alles ein bisschen früher passiert. Zagreb ist sozusagen das Darmstadt Osteuropas, nur ohne die TU. Die Briten sehen das natürlich anders. Für sie ist London das Zentrum der Welt, und wenn dort ein Roboter ein Auto steuert, dann ist das nicht Technik, sondern Empire 2.0, nur mit Ladekabel.
Interessant wird es, wenn man sich das typische Londoner Verkehrsumfeld vorstellt. Kreisverkehr, Gegenverkehr, Bus, Taxi, falsch parkender Lieferwagen, Tourist mit Rucksack auf der falschen Spur, doppelter Regenbogen, schottischer Dudelsack aus dem Nichts. Wer sein autonomes Auto hier testet, der testet es wirklich. Das ist, als würde man einen Blindenlotsen zum ersten Mal auf der Brenner-Autobahn losschicken, nur ohne den Lotsen und mit deutlich schlechterer Versicherung.
Die Firmenrhetorik ist erwartbar. Stolz, Pioniergeist, mutige Zukunft, London als Bühne der Weltgeschichte. Da fehlt eigentlich nur noch, dass die Queen persönlich das Band durchschneidet, was schwierig ist, weil sie dafür aus dem Fenster müsste. Uber verspricht indes das, was Uber immer verspricht. Bequemlichkeit, Sicherheit, Revolution und am Ende eine Rechnung, die aussieht, als hätte jemand das Navi mit der Preistafel eines Sterne-Restaurants verwechselt.
Der Witz an der Sache ist natürlich, dass Londoner Taxifahrer bereits ein eigenes kleines Navigationssystem besitzen. Es heißt Blick, Erfahrung und die Fähigkeit, einen betrunkenen Schotten auf dem Rücksitz zu ignorieren. Ob eine künstliche Intelligenz das jemals lernt, darf bezweifelt werden. Wahrscheinlich bleibt das Auto bei Rot stehen und entschuldigt sich höflich.
Bis dahin darf London stolz darauf sein, nach Zagreb die zweite europäische Hauptstadt zu sein, in der autonome Taxis unterwegs sind. Es ist ein bisschen wie der zweite Platz beim Känguru-Hüpfen in Kärnten. Man ist dabei, man hat die Medaille, aber beim Aufstehen merkt man, dass einem die Knie wehtun und die Herde schon weiter ist.