Velden ruft, und alle gehorchen, indem sie ihr Portemonnaie öffnen. Drei Tage lang wird im September so getan, als wäre der Sommer noch eine ernstzunehmende Jahreszeit, die man mit Musik, Tanz und einem dezent organisierten Geldsystem würdevoll zu Grabe tragen kann. Man nennt das Indian Summer Festival, was historisch betrachtet ungefähr so korrekt ist wie ein Dirndl als Businesskleidung zu bezeichnen, aber in der Region zählt ja vor allem, dass es sich hübsch anhört und die Gäste rechtzeitig gebrieft werden, was sie zu fühlen haben.
Kernstück ist die große Festival-Tombola, die das Herz jedes sparsamen Österreichers höherschlagen lässt. Zehn Euro kostet ein Los, und damit ist schon das wichtigste Detail dieser Veranstaltung verraten. Jedes Los gewinnt, behauptet die Werbung, was sich verdächtig nach dem Satz anhört, den auch ein Kaffeekränzchen verwendet, wenn die Hälfte der Torten am Ende übrig bleibt. Der Hauptgewinn ist ein origineller Cowboy-Hut, also exakt jenes Accessoire, das in Velden am Wörthersee jahrzehntelang fehlte, um die Region endlich von Kärnten in eine US-Bundesstaats-Kopie zu verwandeln. Wer hier gewinnt, zahlt im Grunde zehn Euro, um sich selbst zu kostümieren, und darf sich danach wie der Hauptgewinn fühlen.
Die Veranstalter haben aus naheliegenden Gründen Indian Summer Dancers engagiert, die durch den Ortskern tanzen und die Auftritte auf der Main Stage begleiten. Man darf sich das vorstellen wie eine Mischung aus Hochzeitsband und Tourismuswerbung, nur ohne den konkreten Anlass. Dazu kommen drei Side-Stages, die so fantasievoll Gig Bar & Club, Café/Bar Hollywood und Monkey Circus heißen, wobei vor allem Letzteres Fragen aufwirft. Entweder hat man dort sehr freie Tiere oder sehr traurige Studenten, die ihren Semesterferien nachtrauern. Dass dies alles ein neues Programmangebot sei, wie es offiziell heißt, ist eine großzügige Umschreibung dafür, dass jemand die Speisekarte aus dem Vorjahr neu eingescannt hat.
Besonders rührend ist die Erfindung des Wortes Schließung in der Überschrift Sommer-Closing, was nichts anderes bedeutet, als dass man die Saison jetzt offiziell für beendet erklärt, nur um sie wenige Wochen später mit dem Winter wieder zu eröffnen. Velden hat damit ein Problem gelöst, von dem viele Städte nicht einmal wissen, dass es existiert: Wie vermarkte ich Luft mit Aussicht? Die Antwort lautet, man nehme einen See, ein paar DJs, die irgendwann in den Neunzigern ihre beste Phase hatten, und schon hat man einen neuen Anziehungspunkt, der dringend notwendig war, weil der alte Anziehungspunkt offenbar nicht mehr reicht.
Wer sich nun fragt, ob das alles ein Fest ist oder doch nur eine gut getarnte Einkaufstherapie, liegt goldrichtig. Zehn Euro pro Los summieren sich bei ein paar tausend Besuchern zu einer stolzen Summe, die jederzeit auch ohne Cowboy-Hut ein sehr ordentliches Festessen in einem der teilnehmenden Betriebe finanziert hätte. Aber das ist natürlich nicht der Punkt, denn wer will schon essen, wenn er stattdessen feiern kann, dass er etwas gewonnen hat, das er nie brauchte. Der Herbst kann also kommen, und falls er sich sträubt, wird einfach ein Festivalkalender ausgerollt, bis er sich fügt.