Es ist also wieder so weit. Zwei schwer beschäftigte Männer steigen in Miami in ein Militärflugzeug, lassen Helsinki als kulinarische Zwischenstation links liegen und setzen den Kurs gen Moskau, weil, so die offizielle Lesart, der Weltfrieden mal wieder zwischen Tür und Angel verhandelt werden muss. Dass ein gewisser Immobilienerbe und ein gewisser Golfplatz-Botschafter dabei die diplomatische Hauptlast tragen, wirft Fragen auf, die niemand stellen will. Außer vielleicht jene, die sich fragen, ob die Vereinigten Staaten in Friedensfragen inzwischen wie ein Immobilienmakler funktionieren, der das Objekt noch nie von innen gesehen hat.
In Kiew bereitet man unterdessen alles vor, was ein historischer Besuch so braucht. Man verzichtet höflicherweise auf den Beschuss der eigenen Lüfte, man pinselt das Programmheft, man plant ein gemeinsames Foto, bei dem wenigstens einer der Beteiligten zuversichtlich schauen muss. Selenskyj spricht von einem möglichst konstruktiven und inhaltsreichen Besuch, was in der diplomatischen Sprache ungefähr heißt, dass man sich gegenseitig nicht wehtut und am Ende alle so tun, als wäre etwas herausgekommen. Russland wird aufgefordert, spiegelbildlich zu reagieren, also ebenfalls auf das zu verzichten, was man gerade mit großem Aufwand tut.
Moskau wiederum gibt sich tiefenentspannt und betont, man habe Vertrauen in die eigene Sicht der Dinge, die so genannten Realitäten auf dem Schlachtfeld. Realitäten, die sich nach Einschätzung erfahrener Beobachter vor allem dadurch auszeichnen, dass sie sich je nach Vorlage des Sprechers in eine andere Richtung bewegen. Die russische Seite hielt sich denn auch bedeckt, wie immer, wenn man etwas nicht zugeben möchte, ohne es abstreiten zu können. Der Kremlsprecher kündigte an, nichts anzukündigen, und behielt damit den Vorsprung an Rätselhaftigkeit, der die Region seit Jahrzehnten auszeichnet.
Trump selbst ließ ausrichten, dass seine Leute einen Vorschlag mitbringen, um den Krieg zu beenden, und dass er, wie immer, optimistisch sei. Optimismus ist inzwischen eine Art Naturereignis bei ihm, wie Regen im April, unzuverlässig, aber stets angekündigt. Dass er den Konflikt einst binnen 24 Stunden beenden wollte, gilt inzwischen als historische Zahl, vergleichbar mit der berühmten Marschflugbahn über Helsinki, bei der irgendjemand irgendwann irgendwo landet. Die Uhr tickt, nur weiß niemand, wann sie stehengeblieben ist. Der zwischen Moskau und Kiew hin- und herpendelnde Pendelverkehr ist inzwischen so dicht getaktet, dass selbst das Flugpersonal müde wirkt.
Was die beiden Unterhändler konkret vorlegen, weiß niemand, auch weil es offenbar noch niemand aufgeschrieben hat. In diplomatischen Kreisen munkelt man, der Vorschlag enthalte eine Mischung aus Zugeständnissen, Appellen und der Überzeugung, dass jede Lösung eine gute ist, solange sie als Lösung verkauft werden kann. In Kiew hofft man auf das Beste, in Moskau rechnet man mit dem Gewohnten, und in Washington geht man davon aus, dass sich die Situation schon irgendwie auflösen wird, weil die Geschichte sich ja meistens selbst korrigiert.
Die Menschheit wiederum darf sich auf ein Wochenende freuen, an dem die Weltlage möglicherweise verhandelt, möglicherweise vertagt, möglicherweise erneut verschoben wird. Wie schon so oft sitzen alle an einem Tisch, an dem niemand sitzen will, reden über Dinge, die niemand hören will, und am Ende bleibt ein Foto, ein Händeschütteln, ein Satz wie wir haben sie dorthin geschickt, um zu prüfen, ob wir etwas erreichen können. Ob sie etwas erreichen, wird sich zeigen, vermutlich in Helsinki, vermutlich nächste Woche, vermutlich auf einem Flug, der eigentlich in eine ganz andere Richtung gehen sollte.