Man muss den Berliner Senat einfach lieben. Kaum wird die Stadt digital angegriffen, schon legt sie die olympische Disziplin der Verweigerung hin und weigert sich standhaft, zwei Millionen Euro Lösegeld zu zahlen. Wofür auch, bitte? Für Daten, die ohnehin jeder kennt, der schon einmal in einem Berliner Amt saß und dort zwischen Halbacht-Uhr und Halbelf die persönliche Transformation vom Bürger zum Bittsteller durchgemacht hat. Wer bei der Feuerwehr den Notruf wählt, weiß ohnehin, dass die Hilfe irgendwann kommt, so wie die Berliner S-Bahn auch, nur wann genau, weiß niemand. Dass die Angreifer nun Pakete mit Gehaltslisten, Ausweisscannen, Disziplinarverfahren und Plänen für den Katastrophenschutz ins Netz stellen, garniert mit dem Spruch „Viel Spaß, Datenjäger", ist natürlich kein Versagen der Verwaltung. Es ist ein moderner Akt der Transparenz, den wir nur noch nicht zu schätzen wissen. Berlin gibt halt alles, sogar seine Geheimnisse. Die Behörde als offenes Buch, das Darknet als Stadtbibliothek, die Bürger als unfreiwillige Lektoren.
Dass ausgerechnet auch noch der Bau der neuen Kanzleramts-Erweiterung betroffen ist, beruhigt ungemein. Weil nichts beruhigt mehr als die Vorstellung, dass irgendwo auf der Welt jemand in behördlichen PDFen stöbert und dabei die Erkenntnis gewinnt, dass der Bund sich beim Bauen ungefähr so geschickt anstellt wie ein Tourist am Flughafen BER, der nach neun Jahren endlich das richtige Terminal findet. Rund 550 Dateien, voll mit Gutachten, Plänen und Stellungnahmen des Landeskriminalamts, liegen nun dort herum. Das ist kein Datenleck, das ist eine moderne Version des Schlosses Bellevue, nur ohne Wachpersonal und mit besserer Klientel. Man darf gespannt sein, welche Baufirma sich demnächst freuen darf, wenn plötzlich jeder weiß, dass der Auftrag schon längst an den Gartenzwerg des Nachbargrundstücks vergeben war.
Die befragte Expertin, deren Name an dieser Stelle bewusst verschwiegen wird, weil wir keine Gratiswerbung für Menschen machen, die versuchen, Schiffbruch zu erklären, fasst die Lage ungefähr so zusammen, wie man den Zustand der Titanic beschreibt, wenn man höflich bleiben will: Wer immer einen Plan basteln will, wie man der Hauptstadt und damit der Regierung einen möglichst kreativen Schaden zufügen kann, findet hier mehr als genügend Anhaltspunkte. Das ist die Art von Satz, der normalerweise in einem schlechten Thriller vorkommt, nur dass hier leider niemand den roten Faden im Drehbuch bewacht hat. Berlin ist also nicht nur Hauptstadt der Republik, sondern neuerdings auch Hauptstadt der freiwilligen Selbstdemontage.
Man stelle sich die Sitzung des Senats vor. Jemand schiebt ein brennendes Aktensymbol über den Tisch, alle nicken ernst, man beschließt, gar nichts zu beschließen, bestellt Kaffee, verschiebt das Thema auf die nächste Sitzung, und irgendwann klingelt ein Faxgerät aus dem letzten Jahrtausend. So funktioniert das. Zwei Millionen Euro wären sowieso nur ein Tropfen auf dem heißen Berliner Haushalt, der ohnehin den Charme einer alten Studentenbude hat, in der seit zwanzig Jahren niemand aufgeräumt hat. Aber zahlen? Nein. Berlin zahlt nicht. Berlin diskutiert. Berlin bildet Arbeitsgruppen. Berlin lädt zu Runden Tischen. Berlin atmet tief ein, atmet aus, und ruft am Ende den nächsten Datenschutzbeauftragten, der dann in einem Interview erklärt, man nehme das sehr ernst, man sei sehr betroffen, und überhaupt sei Cyber-Sicherheit eine Frage der Haltung. Die Haltung hat Berlin. Sie liegt nur ab sofort im Netz.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Hauptstadt der Republik ihrem Ruf einmal mehr alle Ehre macht. Nicht jeder schafft es, ausgerechnet in einer Sicherheitslage der Welt die eigene Stadtverwaltung als Freilichtmuseum für digitale Sorglosigkeit zu präsentieren. Wer künftig wissen will, wie man Verwaltung in Zeiten des digitalen Zeitalters führt, muss nicht mehr nach Singapur oder Estland schauen. Es reicht, einen alten Laptop zu starten, ein bisschen zu suchen, und schon landet man mitten in Berlin. Viel Spaß, Datenjäger. Wenigstens der Humor stimmt.