Vier Komma Zwei Kilometer durch einen Salzburger See, und schon bricht die Provinz in kollektive Verzückung aus. Männer ab Vierzig ziehen sich Neopren über den Bauch, Frauen ab Vierzig tun es ihnen nach, und das ganze Salzkammergut klatscht artig Beifall, als wäre gerade die Staatsoper neu eröffnet worden. Man muss sich das vorstellen: Eine Strecke, die ein ambitionierter Sonntagsradler in der Früh in einer knappen Viertelstunde abspult, wird hier zur Heldentat mythischer Größe aufgeblasen. Der Fuschlsee, an schönen Tagen ohnehin nur ein gut gefülltes Badebecken für betuchte Gäste, mutiert für ein Wochenende zum Bermuda-Dreieck der Ausdauer.
Dabei hat die Veranstaltung das Zeug zum perfekten Amtsschimmelrennen. Man nehme einen See, zwei Startpunkte, einen Bus und ein Boot, garniere das Ganze mit einer Boje als Pflichtaccessoire und serviere es auf einem Silbertablett aus Gemeindehomepage-Pathos. Wer 2,1 Kilometer schwimmt, fährt mit dem Bus zum halben See, steigt aus und darf sich Athlet nennen. Wer 4,2 Kilometer schwimmt, fährt mit dem Boot zum anderen Ufer und darf sich Held nennen. Logistik ist hier keine Nebensache, sondern die halbe Miete. Wer am schnellsten im Wasser ist, gewinnt nicht zwingend den Wettkampf, sondern wer am cleversten das öffentliche Verkehrsnetz der Region ausnutzt.
Sportlich wird’s dann selbstverständlich trotzdem, wenn auch auf eine sehr österreichische Art. Erich, Jahrgang irgendwo zwischen gutem Punsch und Midlife-Crisis, schlägt seine Vorjahreszeit um drei Minuten und landet auf Platz 25 seiner Altersklasse. Im Büro wäre das eine solide Quartalsbilanz, im Schwimmsport ist es eine Sensation, die im örtlichen Wirtshaus noch jahrelang nachgeschenkt wird. Martina, nach Verletzungspause und vermutlich mehr Arztbesuchen als Trainingskilometern, steigt mit 45 Minuten aus dem Wasser und empfindet das als Genugtuung. Man kann ihr nur beipflichten, denn wer nach Monaten mit Physiotherapie und Lymphdrainage überhaupt noch geradeaus schwimmt, hat sportlich gesehen bereits den Mount Everest bezwungen.
Die wahren Stars des Wochenendes sind freilich weder Boje noch Neopren. Es ist die Boje. Sie liegt im Wasser, tut nichts, wird von jedem Starter umrundet und ist am Ende die Einzige, die keine Zeit aufstellen muss. Eine beneidenswerte Existenz, ehrlich gesagt. Während die Athleten im See gegen die eigene Schwerfälligkeit kämpfen, dümpelt die Boje vor sich hin, kassiert die Strömung und wartet geduldig, bis der Nächste um die Ecke platscht. Hätte die Boje einen Vereinsausweis, sie wäre längst Ehrenmitglied.
Weil im österreichischen Sport nichts ohne flankierende Maßnahme geht, steht natürlich auch die regionale Immobilienbranche Gewehr bei Fuß und versichert in gewohnt pathetischer Manier, dass Vertrauen, Transparenz und Ehrlichkeit das Um und Auf seien. Vierzig Mitarbeiter, fünfundzwanzig Jahre Erfahrung, Zentrale in Krems, das volle Programm. Man weiß nicht genau, was das mit einem Schwimmwettkampf zu tun hat, aber im Land des Föderalismus wird eben alles mit allem beworben, solange es nur einen Absatz, einen Klick, eine Aufmerksamkeit generiert. Am Ende sitzen Erich und Martina erschöpft am Seeufer, schauen übers Wasser und wissen: Sie haben den Fuschlsee bezwungen, aber die wahre Leistung war, ein Wochenende lang die Einzigen gewesen zu sein, die nicht über Wohnungen, Zinssätze oder die Sanierung des örtlichen Kreisverkehrs redeten.