Es klingt wie der Beginn eines Witzes aus der Wirtshausstube, ist aber ausgewachsene Realität: Münster empfängt Natters, beide haben nach fünf Runden exakt vier Punkte auf der Habenseite, und beide haben gemeinsam schon so viele Gegentore kassiert, dass man den Torwart getrost als wandelndes Sieb bezeichnen könnte. Sechzehn Stück pro Verein, das ist keine Statistik, das ist eine Anklage. Man stelle sich vor, ein Mittelstürmer würde in seinem Lebenslauf so etwas schreiben, beim nächsten Vorstellungsgespräch hätte er lediglich die Auswahl zwischen zweiter Reihe und Torwart bei der Feuerwehr.
Der Clou an der Geschichte ist freilich nicht das Spiel selbst, sondern die Tatsache, dass jemand auf die grandiose Idee gekommen ist, dieses Spektakel live zu übertragen. Einen Sonntagnachmittag im September, an dem die halbe Republik entweder wandert, zum Hofrat geht oder den Rasen mäht, sitzen also irgendwo dreißig hartgesottene Enthusiasten vor dem Bildschirm und warten darauf, dass ein Ball den Weg ins Tor findet. Die Quote dürfte sich im einstelligen Bereich bewegen, was die Kameras betrifft, nicht die Tore.
Dass ausgerechnet diese Begegnung den Sprung ins Rampenlicht schafft, hat etwas Tröstliches und Beunruhigendes zugleich. Tröstlich, weil endlich einmal nicht der FC Bayern, sondern die tapferen Kämpfer aus den Tiroler Außenposten gewürdigt werden. Beunruhigend, weil irgendwer im stillen Kämmerlein beschlossen hat, dass die Zuschauer das wirklich sehen wollen. Vermutlich derselbe Jemand, der bei der Mitgliederversammlung den Antrag stellt, die Kantine solle glutenfreies Bier führen. Es ist die schleichende Demokratisierung der Bedeutungslosigkeit.
Wer jetzt glaubt, nach dem Anpfiff werde sich die Lage beruhigen, hat die Rechnung ohne die Tiroler Verteidiger gemacht. Beide Abwehrreihen lesen sich wie eine Aufstellung jener Spieler, die in der Jugend noch als Stürmer galten und irgendwann von der Gnade der Trainer in die eigene Hälfte verbannt wurden. Man spürt förmlich die kollektive Sehnsucht, einfach einmal stehen zu bleiben und dem Ball beim Vorbeifliegen zuzuwinken. Stattdessen rennen sie hinterher, weil es sich so gehört, und schauen dabei aus, als hätten sie den Bus in die falsche Richtung genommen.
Natürlich wird es auch einen Sieger geben, das ist das Wesen des Fußballs, und natürlich werden alle danach so tun, als hätten sie es immer gewusst. Vier Punkte waren eine zwischenzeitliche Durststrecke, heißt es dann, sechzehn Gegentore seien nur eine Frage der Interpretation, und überhaupt habe man das Spiel ja im Livestream verfolgt, was einem schon allein dadurch drei Punkte in der Allgemeinbildung einbringe. Wer am Ende mit einem Unentschieden davonkommt, darf sich als moralischer Sieger fühlen, wer mit einem Sieg davonkommt, als Tabellenkeller-Bewohner mit goldenem Oktober im Auge.
Das eigentliche Ereignis des Tages ist daher weniger das Spiel als die Inszenierung. Wer einen Verein sucht, der sich mit vier Punkten nach fünf Runden selbst feiert, der wird in Tirol gleich zweimal fündig. Wer einen Verein sucht, der trotz sechzehn Gegentoren an die Wende glaubt, ebenso. Und wer einen Verein sucht, der einen Livestream für notwendig hält, der hat jetzt endlich die Bestätigung bekommen, dass die digitale Zukunft in der Landesliga angekommen ist, pünktlich, mit fünf Sekunden Latenz und dem ganz großen Anspruch, nichts zu verbergen.