Es gibt sie noch, die echten Volksfeste im oesterreichischen Fussball. Man nehme einen Tabellenletzten der Bundesliga, einen neuen Trainer, der noch nie auf der Bank sass, und einen Ort, der schon von seiner Namensgebung her nach grosser Buehne schreit. Was dann passiert, ist weniger Fussball und mehr eine Mischung aus Hoftheater und Hinrichtung. Vor mehr als 3500 enthusiastischen Zuhausern, die natuerlich alles richtig gemacht haben, wurde der Cup-Traum mit der Praezision eines Schweizer Uhrwerks zerlegt.
Dass ausgerechnet die Wiener Austria als Bundesliga-Schlusslicht anreist, haette den Abend eigentlich zur Mutmach-Geschichte machen koennen. Stattdessen liess man sich artig vorfuettern, was die Liga schon die ganze Saison vermutet hatte. Wer bei einem Auswaertsspiel in der Provinz ohnehin mit der Massgabe antritt, sich nicht zu blamieren, der hat die Blamage schon unterschrieben. Man sieht die Wien-Kogge schon fast mit einem formellen Begleitschreiben an die Niederlagenversicherung im Bundesliga-Buero marschieren.
Unterdessen steht beim Heimteam ein Mann an der Seitenlinie, dessen sportliche Vita bisher vor allem aus der Eigenschaft besteht, ploetzlich da zu sein. Trainerwechsel so kurz vor dem Spiel sind im oesterreichischen Fussball das, was im Verwaltungsrecht das Rueckwirkende Inkrafttreten eines Erlasses ist: man nimmt es zur Kenntnis, niemand fuehlt sich zustaendig, und am Ende tragen es die naechsten. Das Spiel selbst duerfte der Mann vor allem deshalb in Erinnerung behalten, weil er gleich bei seinem Debut lernte, wie sich das anhoert, wenn das eigene Stadion gegen die eigene Mannschaft applaudiert.
Das Ergebnis ist dann jene Sorte Resultat, bei der die Heimfuehrung ploetzlich heimlich wird. Wenn die Geraeuschkulisse im Stadion von Fussballgespraech in regionales Wetterleiten kippt und die Catering-Leute beginnen, die Bratwurst vor dem Abpfiff zu entsorgen, dann weiss man, dass das Volksfest vorbei ist. Die Austria tat das, was Auswaersteams in solchen Situationen tun sollten: nicht mehr als noetig jubeln, nicht mehr als noetig gruen, und den Bus vor Mitternacht besteigen, bevor noch jemand auf die Idee kommt, das Spiel sei ein Heimspiel gewesen.
Besonders unterhaltsam wird es, wenn man den gegnerischen Coach betrachtet, der laut Vorbericht als angezaehlt galt. Wer bei diesem Verein als angezaehlt gilt, hat meistens noch ein paar Wochen Gnadenfrist, weil der Nachfolger erst dann kommt, wenn der neue neue Trainer gefunden ist. In Traiskirchen sass der Mann also auf einer Bank, die eigentlich eine Abschussrampe ist, und sah zu, wie sein Team in der ersten Haelfte vier Tore schoss. Es ist die seltene Konstellation, dass jemandem die Entlassung erspart bleibt, weil sein Team zu gut spielt. Sollte es tatsaechlich mal schiefgehen, weiss er ab jetzt, dass es nicht an der fehlenden Strategie lag.
Bleibt die Frage, was von diesem Abend bleibt, abgesehen von einem Kantersieg, der keiner war, weil ihn niemand so nennt. Vielleicht ein neuer Trainer, der jetzt weiss, wie ein Ortsderby riecht, wenn es kein Ortsderby ist. Vielleicht ein Tabellenletzter, der glaubt, er sei gerade Tabellenerster. Und vielleicht ein Stadion, das beim naechsten Mal wieder ausverkauft sein wird, weil das Gedaechtnis in der Provinz kurz ist und die Bratwurst lang haltbar.