Vier Welpen. Knapp vier Pfund Flausch pro Tier, vermutlich noch nicht einmal stubenrein, geschweige denn im Besitz eines gültigen Jagdscheins. In Fiss hat sich das Drama also schon im zarten Kindesalter abgespielt. Man stelle sich vor: Ein Klick in der Kamera, und schon war die halbe Bezirkshauptmannschaft Landeck in Habachtsatzung. Weil die Welpen ja auch so gefährlich wirken, wenn sie noch neben ihrer Mutter hertrippeln und das Fürchten vermutlich erst lernen müssen. In Tirol gilt offenbar: Wenn ein Wolf atmet, ist er verdächtig. Und wenn er jung ist, ist er gleich doppelt verdächtig, weil er ja noch Platz zum Wachsen hat, in dem man später Schaden anrichten könnte. Das ist die neue Tiroler Weitsicht: Nicht der Wolf, der schon zubeht, ist das Problem, sondern der Wolf, der es vielleicht einmal könnte.
Die Behördenparabel liest sich dann so, wie sie in Tirol eben liest. Da gibt es eine Abschussverordnung für Schadwölfe, und weil die Verordnung in ihrer schieren Bürokratiepoesie keinen Spaß versteht, muss sie auch vor Wolfswelpen nicht haltmachen. Schadwolf ist, wer das Land so benennt, und wehe dem Tier, das zur falschen Zeit am richtigen Ort fotografiert wird. Es gibt keinen besseren Beweis für die Notwendigkeit einer Verordnung als einen Schnappschuss, der beweist, dass überhaupt ein Wolf existiert. Sobald ein Lebewesen existiert, ist es in Tirol eine potentielle Gefahr, sobald es sich bewegt, eine akute. Da passt es bestens, dass die Welpen noch nicht einmal wussten, dass sie vom Gesetz bereits erwartet werden.
Man darf sich das Procedere in etwa so vorstellen: Ein Sachbearbeiter liest die Meldung, runzelt die Stirn, trinkt einen Kaffee, runzelt erneut, weil die Kaffeetasse leer ist, und greift dann zum Stempel. In der nächsten Besprechung heißt es dann, man habe alles Menschenmögliche unternommen, man habe die Lage im Blick, man habe reagiert. Dass das Reagieren in Tirol vor allem bedeutet, dasselbe Papier noch einmal zu stempeln, versteht sich von selbst. Während die Verwaltung tagt, wachsen die Welpen einfach weiter. Sie fressen, sie spielen, sie lernen das Waldleben. Sie ahnen nicht, dass sie bereits Aktenzeichen sind. Sie ahnen nicht, dass ihr Schicksal in einer Mappe liegt, die alphabetisch zwischen W wie Wolf und Z wie Zuständigkeit einsortiert ist.
Und mittendrin steht das Land, das eigentlich reagieren müsste, aber nur so reagiert, wie es halt reagiert, nämlich mit Abschuss. Nicht weil die Tiere Schaden anrichten, sondern weil es die Verordnung so will. Es ist die ehrlichste Form der Bürokratie: Man schreibt ein Problem hin, dann schreibt man die Lösung hin, dann schreibt man die Unterschrift hin, dann ist das Problem irgendwann weg, weil die Tiere weg sind. Man muss nur aufhören, die Tierart zu zählen, dann hat man die Statistik erfüllt. In Fiss hat man das nun offenbar konsequent durchgezogen, mit dem Engagement einer Behörde, die weiß, was sie kann, und das ist: Wolfswelpen bürokratisch aufzulösen, bevor sie groß werden. Wenn das kein Erfolg ist, dann weiß Tirol auch nicht mehr, was Erfolg ist.
Die Pointe ist freilich die, die das Land Tirol selbst nicht sehen will. Wer Tiere schützt, indem er sie abschießt, hat das Wort Schutz offenbar eigenständig mit Streicholiven und Gewehrkugeln übersetzt. Wer vier Welpen fotografiert und dann eine Verordnung zückt, der hat vor allem bewiesen, dass die Kamera der gefährlichste Teil des Waldes ist. Am Ende bleibt das bekannte Bild: Ein Bergdorf, ein Rudel, ein Stempel, und irgendwo in einem Aktenschrank das kleine Detail, dass die Welpen gar keine waren, als die Mappe geschlossen wurde. Oder doch. Wer will das in Tirol noch so genau wissen. Hauptsache, die Statistik stimmt. Und die Wolfswelpen können dann in Ruhe das tun, wofür sie eigentlich da sind: in einer Welt aufwachsen, die sie nicht kennt, mit einer Akte, die sie nicht lesen können.