Vierhundert Menschen, die beruflich alles alleine machen, haben sich in Graz getroffen, um gemeinsam zu lernen, wie man es noch alleiner macht. Unter dem Motto Sales Sales Sales, also dreimal dasselbe, weil man sich beim Wirtschaftsverband nie sicher sein kann, ob die Botschaft beim ersten Mal ankommt. Wer hier einen Vortrag über Zurückhaltung erwartet hatte, wurde gnadenlos enttäuscht. Die steirische Wirtschaftskammer hatte geladen, und wie das bei solchen Anlässen üblich ist, wurde geladen, bis die Gänge bebten.
Die Themenpalette war so umfassend wie der Alltag eines Menschen, der gleichzeitig Therapeut, Steuerberater, Marketingabteilung und Kaffeeküche ist. Künstliche Intelligenz stand auf dem Programm, also Software, die jetzt auch noch den letzten menschlichen Restposten bei der Selbstdarstellung übernimmt. Daneben Social Media, also das tägliche Schauspiel, bei dem Einzelpersonen in die Kamera lächeln und so tun, als wäre das eigene Dasein ein Serienfinale. Wer in solchen Vorträgen sitzt, lernt vor allem eines, nämlich dass niemand mehr behaupten kann, er habe keine Zeit für Kundenakquise, solange das Smartphone noch Saft hat.
Der Vizepräsident der Kammer sprach von den Ein-Personen-Unternehmen als unverzichtbarer Stütze der Wirtschaft, was eine elegante Umschreibung dafür ist, dass die Kammer bei Selbstständigen niemanden sonst hat, dem sie die Mitgliedsbeiträge abknöpfen kann. Großunternehmen haben eigene Rechtsabteilungen, Ein-Personen-Unternehmen haben die Kammer, und die Kammer hat gelegentlich einen Erfolgstag. Man stelle sich vor, es wäre umgekehrt, also die Kammer müsste sich bei ihren Mitgliedern bewerben. Ein-Personen-Unternehmen hätten längst ein Strategiepapier.
Am Dienstleistungsmarktplatz konnte jeder in zwei Minuten seine Leistung präsentieren, was ungefähr der Zeitspanne entspricht, die ein durchschnittlicher Grazer Frühaufsteher braucht, um seinen Cappuccino zu bestellen und drei Beschwerden über das Wetter vorzubringen. Zwei Minuten Selbstvermarktung, das ist die olympische Disziplin der EPU, trainiert wird sie in Aufzügen, an Würstelständen und in der Kassenzeile beim Hofer. Wer das nicht beherrscht, hat das Wirtschaftsleben schlichtweg verschlafen, und zwar im übertragenen Sinn, denn Schlaf wäre bei diesem Programm ohnehin Mangelware.
Beim Netzwerken ging es erwartungsgemäß zackig zu, also zackig für steirische Verhältnisse, was bedeutet, dass man nach dem dritten Achterl Wein schon bereit war, eine Kooperation einzugehen, die man am nächsten Morgen wieder leugnete. Der Ausklang mit Musik und kulinarischer Begleitung war der Teil, bei dem die meisten Teilnehmer endlich das taten, was sie das ganze Jahr über nicht schaffen, nämlich mit anderen Menschen zu sprechen, ohne dabei gleichzeitig eine Rechnung zu schreiben. Ein Musiker namens Herwig Burghard feierte die Premiere eines eigens komponierten EPU-Songs, womit endgültig bewiesen war, dass es für jeden Anlass eine eigene Hymne gibt, solange nur jemand die Noten bezahlt.
Am Ende ging jeder nach Hause mit neuen Kontakten, frischen Visitenkarten und dem unbestimmten Gefühl, dass die eigene Ein-Personen-Firma eigentlich nur darauf gewartet hatte, dass man noch mehr Aufgaben gleichzeitig übernimmt. Die Kammer wird das Ganze im nächsten Jahr vermutlich wiederholen, dann vielleicht unter dem Motto Sales Sales Sales Sales, weil drei Wiederholungen beim Wirtschaftsverband Tradition haben und vier einfach konsequent wären. Und falls jemand bis dahin immer noch glaubt, Ein-Personen-Unternehmer seien Einzelkämpfer, der hat den Sinn des Erfolgstags nicht verstanden. Es ging ja gerade darum, das Alleinsein möglichst effizient zu organisieren.