Es gibt Ausstellungen, da geht man hin, schaut ein bisschen, nickt höflich und geht wieder heim. Und es gibt Ausstellungen, da betritt man den Raum und wird sogleich von einer städtischen Aussendung daran erinnert, dass das Leben im Ganzen fragil ist. In Beziehungen, in der Gesellschaft, in der Natur, im Emaille der Kaffeetasse. Wer jetzt noch glaubt, es sei ein Zufall, dass ausgerechnet Villach zur Weltkapital der feinen Risse wird, hat das Wesen der österreichischen Kulturpolitik nicht verstanden.
Der Kunstverein postWERK lädt zur Jahresausstellung mit dem Titel FRAGIL, was im Kärntner Idiom ungefähr so viel heißt wie: Achtung, es könnte etwas kaputtgehen. Das Zerbrechliche, heißt es dazu, sei allgegenwärtig. In Momenten, die kippen, in Gegenständen, die zerbersten, in Mittwochsmorgen, an denen man plötzlich merkt, dass man seit Dienstag die Steuererklärung vergessen hat. Schön, dass die Kunst das endlich ausspricht.
Was hier wie ein laues Philosophielehrgang klingt, ist in Wahrheit die Generalinventur des gebrochenen Zustands. Katharina Acht, Barbara Ambrusch-Rapp, Ernst Bachinger und ein ganzer Reigen weiterer Leidensgenossinnen und Leidensgenossen zeigen Arbeiten, die Risse nicht verstecken, sondern sichtbar machen. Was im ersten Moment klingt wie die Bedienungsanleitung eines Wiener Kaffeehaus-Ofens, entpuppt sich als mutiges Bekenntnis: Ja, wir sind kaputt, und zwar mit Schmackes.
Besonders rührend ist der Hinweis der Stadt, dass Zartheit nicht Schwäche meine, sondern Aufmerksamkeit. Wer jetzt an den städtischen Winterdienst denkt, der seit Jahren an jeder Bodenmarkierung scheitert, fühlt sich ertappt. Aber nein, es geht um Kunst. Es geht um die fragile Ökologie des Seins, um die Zerbrechlichkeit unserer gemeinsamen Zukunft und vermutlich auch um die Frage, warum der Sektempfang bei der Vernissage ausgerechnet aus Plastikbechern kommt.
Man darf sich die Eröffnung am achten September als kleines Gesamtkunstwerk vorstellen. Um neunzehn Uhr betritt der Bürgermeister, nein, eher die stellvertretende Referentin, nein, eher die zuständige Sachbearbeiterin den Raum und spricht von Sensibilität und Verantwortung. Im Hintergrund wird eine Porzellanvase installativ zu Boden geworfen, was im Aktionsplan der Stadt unter kulturelle Bereicherung verbucht wird. Drei Gastkünstler sorgen für internationales Renommee, also für jene Dosis Weltläufigkeit, die ein Schloss braucht, um nicht bloß ein hübsches Gemäuer zu sein, in dem die Stadt Villach gelegentlich Hochzeiten empfiehlt.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die wahre Fragilität in den Öffnungszeiten liegt. Montag, Mittwoch, Freitag von acht bis zwölf, Dienstag und Donnerstag mit großzügiger Mittagspause von dreizehn bis sechzehn. Wer also am Dienstag um fünf vor zwölf noch einen Blick auf die zerbrochene Schönheit werfen will, muss höllisch aufpassen, dass er nicht selbst an der zugesperrten Tür zerschellt. Die Kunst ist zerbrechlich, die Verwaltung ist es auch. Nur gibt sie es ungern zu.
So bleibt Villach vorerst das, was es immer war: eine Stadt, die dem Riss eine Ausstellung widmet und sich gleichzeitig wundert, warum ihre Brücken so selten fotografiert werden. Bis zum neunundzwanzigsten Oktober darf mitgefiebert, mitgelitten und mitgestaunt werden. Danach kehrt das Schloss in seinen natürlichen Zustand zurück, also in jenen, in dem die Räume leer sind und die Zerbrechlichkeit exklusiv den Ausstellungsbesuchern gehört.