In der Schweiz sagt man, wer den Eiger ohne Seil nimmt, sei ein Held. In Österreich sagt man, wer den Eiger ohne Seil nimmt, sei ein Patient der Sonderklasse. Eine bekennende Fallschirmspringverweigerin hat nun öffentlich klargestellt, dass sie weder aus Flugzeugen fällt noch in Schluchten planscht noch an Gummis schaukelt, weil der ganz normale Alltag, also Aufstehen, Einkaufen, Familie, schon Adrenalin genug liefere. Man darf das als sportliche Höchstleistung werten, immerhin gehört Mut zur Erkenntnis, dass man zur Risikogruppe gehört, wenn man beim Sonntagsbraten bereits den Puls spürt.
Ihre Methodik der Selbsterforschung erinnert dabei an einen Fragebogen, den die Behörde für Innere Angelegenheiten verteilt, wenn man einen Waffenschein beantragt, nur dass hier die Waffe die Erkenntnis ist. Was will ich noch lernen, fragt sie sich, und antwortet selbst mit Haarbalgmilben, Hebräisch und Gemüseanbau. Das klingt weniger nach Lebensplan und mehr nach der Einkaufsliste eines Menschen, der im Garten sitzt, eine Möhre zieht und dabei leise das Alphabet rückwärts aufsagt, während ihm das Alter ins Gesicht kriecht. Sehr tapfer.
Besonders berührend ist die Passage über die Feindschaft, die an einer Bananenschale endet. Kaum liegt der Feind am Boden, ist die Wut weg, übrig bleibt Mitgefühl, ein Schnaps und das ehrliche Eingeständnis, dass einem die grantige Nachbarin, die einen sonst beschimpft, auf einmal leid tut, weil sie von ihren Söhnen nicht besucht wird. Das ist die hohe Schule der Diplomatie. Statt Sanktionen, Resolutionen und Sicherheitsratssitzungen braucht es nur eine Banane, ein Stamperl und jemanden, der zuhört. Die Vereinten Nationen sollten das als Modell verabschieden, die UNO wird kleiner, die Banane größer.
Ihr kosmisches Programm gefällt mir ebenfalls. In zehntausend Jahren Eiszeit, in fünfhundert Millionen Jahren heißer Stein, die Menschheit geht zugrunde, die Welt bleibt stehen, weil die Welt noch nie von uns abhängig war. Das ist die beruhigendste Nachricht seit der Erfindung der Heizdecke. Wer bei dieser Aussicht nicht ruhig wird, dem ist ohnehin nicht mehr zu helfen, der sollte dann doch den Fallschirm nehmen, und zwar freiwillig. Gerettet wird die Menschheit am Ende nicht durch Raketen, sondern durch Gedichte, Musik und das schöne Wort Poesie, das in keinem Amt der Welt auf einem Formular Platz hätte, in jedem Kopf aber einen Sessel verdient.
Nun zum Eigentlichen. Sie träumt von einem Haus am Meer und einer Wohnung in London, kann es sich nicht leisten und nennt es dennoch ihr Sehnsuchtsdomizil. Das ist die österreichische Version von Luxus, man darf ihn haben, man muss ihn nur nicht betreten. In London würde sie vermutlich in einem pub sitzen und höflich schweigen, während alle über Wetter reden, und sich dann nach Hause sehnen, wo wenigstens die Nachbarin ehrlich schreit. Am Meer würde sie auf einer Bank sitzen, Salz auf der Haut, den Wellen beim Verschwinden zusehen und sich eingestehen, dass das Fallschirmspringen vielleicht doch eine Option wäre, nur halt langsamer, ohne Motor und ohne Reißleine.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die größte Gefahr im Leben nicht der freie Fall ist, sondern die Banalität, die einen vorher erledigt. Wer das überlebt, braucht keinen Tandemsprung. Wer das nicht überlebt, hat beim Versuch wenigstens gut geschlafen, denn sie gibt zu Protokoll, dass sie überall einschlafen kann, sogar wenn Menschen auf sie einreden, was in Österreich fast schon ein verfassungsrechtlicher Schutzanspruch wäre. Einschlafen bei Reden ist keine Schwäche, das ist gelebte Demokratie, mit geschlossenen Augen, sanftem Schnarchen und dem dezenten Hinweis, dass das Mikrofon schon jemand anders braucht.
Ich sage also, ohne den Namen einer Zeitung zu nennen, denn ich nenne nie Namen, nur Ideen, es war ein kluger Text, weil er das Abenteuer dorthin verlegt, wo es hingehört, in die eigene Wohnung, auf den Küchenboden, neben eine stolpernde Nachbarin, die nach drei Schnäpsen wahrscheinlich auch sagt, dass sie nichts mehr gegen einen hat. Sollte die nächste Eiszeit tatsächlich kommen, dann wenigstens mit Stil, mit einem Gedichtband unter dem Arm, mit einer Bananenschale als Waffe und mit dem festen Vorsatz, nicht zu springen, sondern zu bleiben. Im Fall, dass das jemand liest, der gerade einen Tandemsprung plant, ein Hinweis: das Leben ist kurz, die Banane ist nah, der Schnaps steht bereit, die Nachbarin wartet schon.