Es gibt Abschiede, die wehtun, und es gibt Abschiede, bei denen man sich nach dem Mitleidskaffee fragt, wer eigentlich mehr Beistand braucht: die Zurückgelassenen oder der eigene Gerechtigkeitssinn. Ein Mann steht in Schrems nach einem wilden 3:3 im Regen, feiert mit seinen Spielern einen Punkt, der in der Tabelle ungefähr so viel zählt wie ein zerknitterter Einkaufszettel, und kündigt anschließend seinen Job. Nicht weil die Mannschaft schlecht spielt, nicht weil die Fans meutern, sondern weil eine andere Bank bequemer ist und das Gehalt vermutlich auch. Man könnte es auch feine Flucht nennen, die sportlich natürlich absolut gar nichts mit dem Chaos der Vorwoche zu tun hat, sondern rein zufällig genau in dem Moment erfolgt, in dem die Spieler noch euphorisch über den Platz taumeln.
Es ist ein uraltes Ritual im niederösterreichischen Vereinsfußball. Kaum wird irgendwo ein Stuhl in einer höheren Liga frei, beginnt das große Schaulaufen der Trainer, als hätte der Verband eine geheime Liste mit Namen ausgeschickt, die alle gleichzeitig und vor allem sofort umzuziehen haben. Man kennt das aus der Wirtschaft, man kennt es aus der Kirche, und man kennt es von den Fußballtrainern im Waldviertel: Solange man nicht weiter aufsteigt, ist man der nette Onkel von nebenan. Sobald aber eine Regionalliga winkt, wird der Onkel zum Kronprinzen, und die bisherigen Vereine dürfen dankbar applaudieren, weil er ja immerhin mal da war. Was die Fans in Schrems davon halten, dass ihr Trainer nach einem einzigen Spiel mit unentschiedenem Ausgang so tut, als hätte er gerade die Champions League gewonnen und sei es endgültig leid, erfährt man nur, wenn man sich traut, am Stammtisch die richtige Frage zu stellen.
Natürlich ist es völlig legitim, dass ein Trainer aufsteigt. Schließlich geht es im Fußball, wie überall sonst im Leben, ausschließlich um Karriere, um Titel, um den nächsten besseren Vertrag, und niemals um irgendetwas wie Beständigkeit, Treue oder das Versprechen, den Verein nicht bei der erstbesten Gelegenheit im Regen stehen zu lassen. Schrems darf sich also trösten: Der Mann hat in seiner Zeit dort immerhin sehr gute Arbeit geleistet, jeder wusste das, und dass er jetzt plötzlich das Weite sucht, ist wirklich ein Riesenschock für alle, wirklich, total unerwartet, hätte niemand ahnen können. Besonders bitter ist es für den Nachfolger, der in ein paar Wochen mit einer Mischung aus Hochachtung und stillem Groll übernimmt und dann so tut, als wäre die Situation völlig normal und man müsse einfach professionell damit umgehen.
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der in den Katakomben der niedersten Spielklasse einen Punkt holt und das anschließend als moralischen Befreiungsschlag verkauft, um dann seinen Posten zu räumen wie ein General, der die Festung verlässt, kaum dass die feindlichen Trommeln in der Ferne verstummen. Dass eine Regionalliga in Wahrheit vor allem deshalb so heißt, weil die Region noch größer ist und die Gehälter noch kleiner, verschweigt der Abschied aus falscher Bescheidenheit. In Wienerberg wartet jetzt also jemand, der in Schrems gelernt hat, dass späte Ausgleiche in Wirklichkeit keine Siege sind, sondern nur das schlechte Gewissen des Schiedsrichters, das man mit Glückwünschen übertüncht. Man darf gespannt sein, wie lange das gut geht, wenn die nächste Tribüne lauter ist und das nächste 3:3 plötzlich wirklich eines ist.