Man muss sich das einmal vorstellen. Da steht ein Kind am Straßenrand, schaut nach links, schaut nach rechts, schaut noch einmal nach links, weil die Mama gesagt hat, zweimal schauen sei sicher, und dann geht es los, ganz vorsichtig, Zehenspitzen zuerst, als würde es ein unsichtbares Minenfeld durchqueren. Genau dieses Kind ist im Jahr 2025 zweiundvierzig Mal von einem Auto gestreift, gerempelt oder in die Botanik befördert worden. Nicht weil die Autos fahren, sondern weil das Kind offenbar den Auftrag hat, den Asphalt zu betreten. Man kennt das ja: Kaum steht die Schule, fängt die Natur an, Schulwege zu produzieren. Da kann die Behörde nichts machen, das ist Schicksal, das ist Wetter, das ist im Zweifel der Klimawandel, der die Kinder offenbar zwingt, in der Früh rauszugehen.
Die zuständigen Stellen in Vorarlberg haben deshalb eine Woche vor Schulbeginn einen flammenden Aufruf veröffentlicht, der die Sache ein für alle Mal klärt. Eltern sollen den Schulweg gemeinsam mit dem Kind üben, am besten mehrfach, am besten feierlich, am besten mit einer kleinen Prozession. Die Kinder sollen dabei lernen, dass Straßen nicht zum Gehen da sind, sondern zur Fortbewegung von Fahrzeugen, und dass man als Fußgänger im Grunde nur geduldeter Gast auf dem Boden ist. Gleichzeitig wird an die Autofahrer appelliert, sich bitte vorzustellen, wie Kinder denken. Kinder denken nämlich so, als ob siebenjährige Gehirne denken. Sie sehen ein Auto nicht als metallenes Objekt mit zweieinhalb Tonnen Trägheit, sondern als freundliches Etwas, das schon bremst, weil der freundliche Mann drin ja sicher ein Vorbild ist. Dass Kinder im Verkehr anders reagieren, ist daher keine Erkenntnis der Forschung, sondern eine Beleidigung des gesunden Menschenverstands, den die Erwachsenen offenbar gerade an der Garderobe abgegeben haben.
Die wahre Pointe liefert aber die Statistik selbst. Zweiundvierzig verletzte Kinder in einem ganzen Jahr, quer über ein ganzes Bundesland verteilt. Auf das einzelne Kind gerechnet ist die Wahrscheinlichkeit, am Schulweg Schaden zu nehmen, ungefähr so hoch wie die Chance, im Ländle einen Politiker beim Wort zu nehmen. Und trotzdem gelingt es der Behörde, daraus eine Art landwirtschaftliche Warnung zu basteln, als handle es sich um eine Heuschreckenplage. Schulweg, so die Botschaft, ist eine Naturkatastrophe mit Pausenglocke. Man übt, man informiert, man schaut, und wenn dann doch ein Kind an einer unübersichtlichen Stelle steht, ist das halt Pech, weil der Schulweg ist nun mal ein lebensfeindlicher Korridor, den die Gemeinden seit Jahrzehnten als Restfläche behandeln, übrig geblieben vom Parkplatz, halbiert von der Bushaltestelle, gesäumt von Werbetafeln.
Eltern bleibt daher nichts anderes übrig, als ihre Sprösslinge einzukleiden wie Forschungsreisende, mit Helm, Weste und einem kleinen Fähnchen, damit die Autofahrer wenigstens wissen, in welche Richtung sie ausweichen sollen. Wer es übertreibt, darf das Kind in einem Anhänger transportieren, was die Sache mit dem Schulwegtraining allerdings ein wenig ad absurdum führt. Andere Familien haben bereits damit begonnen, den Schulweg am Samstag zu üben, weil unter der Woche bekanntlich keine Zeit ist, und am Samstag kein Verkehr herrscht, außer dem einen SUV, der ausgerechnet dann die Probezeit unterbricht, weil er seinen Einkauf nach Hause bringt.
Ganz nebenbei erfährt man aus der gefühlt hundertsten Wiederholung solcher Meldungen, dass es offenbar keinen einzigen Zebrastreifen braucht, keine verlangsamten Zonen, keine versetzten Parkplätze, keine Poller, nichts. Nur den guten alten Appell an die Eigenverantwortung, also an jene Personen, die im Auto sitzen, jene, die zu Fuß gehen, und am Ende an jene, die beides gleichzeitig sind und auf dem Beifahrersitz sitzend die Schulkinder gefährden. Vorarlberg bleibt damit ganz bei seiner Linie: warnen, zählen, üben, warten, bis das Schuljahr wieder vorbei ist. Nächstes Jahr sind es dann dreiundvierzig. Oder zweiundvierzig. Genau weiß das niemand, aber der Aufruf, eine Woche vorher zu üben, kommt bestimmt pünktlich.