Es gibt Probleme, und es gibt Salzburg. In Salzburg gibt es besonders viele davon, und zwar ausgerechnet dort, wo eigentlich niemand welche haben will, nämlich am Bahnhof. Frauen mit Angst, Männer mit Alkohol, einer mit einem Messer, und alle zusammen mit dem festen Willen, die ohnehin schon angespannte Innenstadt noch angespannter zu machen. Die Polizei, gefragt, wie es so laufe, gab die ehrlichste Antwort, die ein österreichischer Beamter seit Langem gegeben hat: Man sei nicht zuständig, außer man werde gerufen. Das ist ungefähr so, wie wenn der Hausarzt sagt, er kümmere sich gerne, aber bitte nur nach Vereinbarung und möglichst nicht in seinen Arbeitszeiten.
Zum Glück gibt es in Österreich für jedes Problem eine kleine Gemeinde, die es schon gelöst hat, bevor es überhaupt eines war. Bischofshofen etwa, ein Ort, der sich bisher vor allem durch Skispringen und die Fähigkeit, weltberühmte Sportler hervorzubringen, ausgezeichnet hat, hat nun eine zweite Berufung gefunden: Vorbildstadt für alles. Dort habe man, so der Bürgermeister mit der Gelassenheit eines Mannes, der seinen Triumph täglich übt, gemeinsam mit der Exekutive und Streetworkern die Lage bereinigt. Wichtig sei gewesen, die Kräfte zu bündeln. Was das genau heißt, bleibt das Betriebsgeheimnis der Kraftbündelung. Vermutlich steht jetzt ein Polizist mehr am Bahnsteig und ein Streetworker weniger am Arbeitsamt. Der neue Jugendtreff liegt natürlich direkt neben dem Bahnhof, weil junge Menschen in Österreich traditionell ihre Freizeit am liebsten dort verbringen, wo die Züge kommen und die Wurstsemmel teuer ist.
Der Clou jedoch ist der 24-Stunden-Automatenshop, dieser Magnet für alles, was nachts wach ist und kein Handy besitzt. Diesen habe man, so der Bürgermeister weiter, mit dem Eigentümer besprochen, und der Eigentümer habe eingesehen, dass sein E-Kiosk ein Ablaufdatum habe. Die attraktive Lösung, die folgen werde, ist noch geheim, aber man darf spekulieren. Vielleicht wird es ein Bioladen mit Türsteher, vielleicht ein Yoga-Studio für nächtliche Energie, vielleicht aber auch einfach ein zweiter Automatenshop, diesmal mit ausschließlich gesunden Snacks und einem anständigen Espresso. Was auch immer es wird, es wird mit Sicherheit besser sein als das, was Salzburg sich einfallen lässt, nämlich nichts.
Wenige Kilometer weiter, in Schwarzach, verfolgt man eine noch innovativere Strategie. Der dortige Bürgermeister, gefragt, ob es Probleme gebe, gab eine Antwort, die in die Annalen der kommunalen Selbstwahrnehmung eingehen wird: Davon wisse er nichts, das sei aber möglich. Früher einmal habe man Streetworker engagiert, dann aber festgestellt, dass das bei uns gar nicht notwendig sei, weshalb man die Streetworker wieder entließ. Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie einen Rauchmelder, den man abschraubt, weil es ja gar nicht brennt. Solange keiner schreit, ist alles fein, und falls doch, war es halt der Wind.
Was lernen wir daraus, liebes Salzburg? Die Lösung ist so einfach wie genial. Wenn niemand am Bahnhof steht, kann auch niemand verprügelt werden. Wenn keine Jugendlichen da sind, gibt es keine Jugendlichen, die Blödsinn machen. Wenn der Automatenshop verschwindet, verschwinden die Komaschläger gleich mit, vermutlich aus Langeweile. Man braucht weder mehr Polizei noch mehr Streetworker, sondern lediglich einen Bürgermeister, der die Lage richtig einschätzt, und der tut das natürlich am besten, indem er gar nicht erst hingeht. Salzburg braucht also keine neuen Konzepte, sondern einfach mehr Bürgermeister, die abends daheim bleiben und morgens verkünden, dass alles bestens ist. Funktioniert in Bischofshofen, funktioniert in Schwarzach, also wird es auch in Salzburg funktionieren, und wenn nicht, dann hat es zumindest den Vorteil, dass es niemanden mehr stört, weil die Leute ja nicht mehr hingehen.