Es gibt sie also noch, die Abende, an denen ein niederösterreichischer Ort sich nicht in eine autofreie Begegnungszone oder einen Glasfaser-Diskussionsstammtisch verwandelt, sondern einfach nur Musik spielt. In Waldhausen haben sie das Unmögliche geschafft: Man hat eine Mehrzweckhalle tatsächlich mehrzweckt, und zwar so lange, bis der Sommer daraus geflüchtet ist wie ein Kassenpatient aus dem Spitalszimmer nach der Visite.
Die Kapelle betrat die Bühne mit dem Selbstverständnis einer Formation, die weiß, dass hierzulande über den Ausgang eines Sommerabends nicht der Wetterbericht entscheidet, sondern die Trompete. Was dann folgte, war keine Darbietung, sondern ein kultureller Befreiungsschlag gegen die akustische Monokultur der Rasenmäher. Man habe einstudierte Stücke vor so vielen begeisterten Besuchern präsentiert, heißt es, und klingt dabei so bescheiden wie ein Stift, der behauptet, er habe nur ein bisschen Geschichte aufbewahrt.
Natürlich war die Veranstaltung kein gewöhnliches Konzert, sondern eine Art geopolitische Machtdemonstration. Wer in der Provinz den Ton angibt, gibt auch den Ton im Ort an, und wer den Ton im Ort angibt, sollte ihn bitte in Dur spielen, weil Moll in der Gemeindepolitik ohnehin schon erlaubt genug vorkommt. Die Musikerinnen und Musiker sollen sich darüber gefreut haben, dass so viele kamen, was insofern bemerkenswert ist, als die meisten niederösterreichischen Kulturgenüsse ja sonst nur von Verwandten und einer Handvoll Verdienter der Marktgemeinde frequentiert werden.
Man stelle sich vor: Eine Halle voller Menschen, die freiwillig ihre Sonntagspause opfern, um einer Blasmusikkapelle beim Ausklingen des Sommers zuzuhören. Das ist in etwa so wahrscheinlich wie ein aufrichtig gemeinter Facebook-Post einer Wirtshauspächterin. Und trotzdem geschah es. Die Gemeinde wird diesen Abend als historisches Datum in die Chronik eintragen, gleich nach dem Hochwasser, gleich vor dem nächsten Hochwasser.
Die ehrwürdige Mehrzweckhalle, die im Alltag meist als Parkplatz für Kinderwägen, Wahlurnen und schlecht ausgeleuchtete Faschingskränzchen dient, wurde an diesem Abend zur Carnegie Hall des Waldviertels. Die Sitzreihen, die sonst nur die kommunikative Minimalbesetzung beim Elternsprechtag aushalten müssen, ächzten unter dem kollektiven Enthusiasmus. Man applaudierte nicht, man absorbierte das Ereignis, als hätte man drei Monate lang nur Stille konsumiert.
Die wirkliche Pointe aber liegt woanders: Der Sommer ist vorbei, die Kapelle hat ihn weggeblasen, und die Bewohner von Waldhausen stehen nun vor der existenziellen Frage, womit sie die restlichen drei Jahreszeiten füllen sollen, bis im nächsten August wieder eine Kapelle anrückt, um den Ästen die letzten warmen Töne zu entlocken. Bis dahin bleibt der Mehrzweckhalle nur ihr zweites Standbein, die Ortsbauernschaftsversammlung, und die ist bekanntlich weniger Konzert als Ritual, und weniger Ritual als Schikane.