Man stelle sich vor: Ein Ort, der schon im Namen den Heilstatus mitschleppt, eine Pfarrkirche als Bühne, und ein Benefizverein, der klingt wie eine Mischung aus Wohltätigkeitsbasar und mittelalterlicher Bruderschaft. Genau dort trifft sich am 21. November das musikalische Who-is-who der Region, also praktisch jeder, der ein Akkordeon bedienen kann ohne dabei umzukippen. Sister Voices, Engelholz Musi, Trio Arbesbach – die Aufzählung liest sich wie das Telefonbuch einer Gegend, in der man sich noch beim Bäcker duzt und beim Spar nicht.
Als Krönung wurde Monika Martin verpflichtet, eine Sängerin, die im heimischen Schlagerfach etwa den Stellenwert hat wie der Nikolaus im Adventkranz: unvermeidbar, gemütlich, leicht staubig. Sie soll an diesem Abend wohl für jene Stimmung sorgen, die zwischen besinnlich und besinnungslos changiert. Damit auch keiner auf dumme Gedanken kommt, liest Ferdinand Smetana Adventgedichte, was selbst eingefleischten Kirchgängern noch ein letztes Quäntchen Romantik entreißt.
Dass der Benefizverein Waldviertel überhaupt einen Advent braucht, um auf sich aufmerksam zu machen, sagt viel über den Spendenfluss im ländlichen Raum. Offenbar funktioniert das Mitleid nur, wenn man es mit handgemachter Volksmusik und einem Schuss Kerzenlicht paniert. Zwanzig Euro Eintritt sind dabei der Preis für ein kollektives Selbstwertgefühl-Upgrade: Man gibt Geld, hört Musik und darf sich danach ein Jahr lang als Kulturförderer fühlen, obwohl man eigentlich nur einen Samstagabend irgendwo zwischen Glühwein und Halbschatten verbracht hat.
Interessant wird es bei der Kartenausgabe. Wer in Bad Traunstein kein Ticket ergattert, darf eine kleine Schnitzeljagd durch die regionale Infrastruktur absolvieren. Willi Stöcklhuber hat eine Handynummer, die Marktgemeinde eine Eingangstür, Nah und Frisch ein loses Flugblatt, und Regina Waringer offensichtlich auch eine Nummer. Die Sparkasse Zwettl steht bereit, vermutlich weil man bei einem Benefizabend ungern auf das Finanzinstitut der Barmittel verzichten möchte. So wird der Kartenkauf zum Beweis bürgerlichen Engagements, gewürzt mit dem dezenten Verdacht, dass der halbe Ort beim anderen halben Ort eingeladen ist.
Der eigentliche Witz an der Sache ist freilich die Mechanik dahinter. Ein Verein sammelt Spenden, eine Gemeinde stellt die Kirche, eine Sparkasse die Kasse, ein Nahversorger die Werbefläche, und am Ende singen alle gemeinsam Lieder, die schon der Großvater kannte. Es ist die perfekte österreichische Kreisverkehrsökonomie, in der jeder etwas gibt, jeder etwas bekommt und am Ende exakt so viel bleibt wie vorher, nur mit besserer Beleuchtung. Der Advent wird so zur Hoftheater-Variante des Strukturprogramms, gewickelt in Tannenzweige und garniert mit dem Gedanken, dass der eigene Beitrag dringend notwendig war, auch wenn er streng genommen nur ein Sonntagabend war.
Und sollte am Ende trotzdem jemand fragen, was der Benefizverein Waldviertel eigentlich genau macht, bekommt er vermutlich dieselbe Antwort wie immer: Man hilft, man freut sich, man sagt danke. Schon in den Überschriften der Region klingt das so, als würde ein Amt seine eigenen Akten loben. Was fehlt, ist allenfalls die Ansage, welche Kinderhilfsorganisation genau gesponsert wird, welcher Prozentsatz wo ankommt und welche Gemeindebedienstete nachher wieder auf den letzten Drücker den Besen schwingen. Aber das wäre ja fast schon wieder Verwaltung, und Verwaltung ist bekanntlich die einzige Disziplin, die in keinem Adventprogramm vorkommt, auch wenn sie das ganze Jahr hindurch das wahre Konzert gibt.
Am Ende bleibt ein Abend, der vermutlich schön wird, wie alle Abende, an denen genug Stühle vorhanden sind und die Glühweintemperatur stimmt. Wer danach mit roten Wangen nach Hause geht, kann sich rühmen, etwas Gutes getan zu haben. Wer mit roten Wangen heimgeht und dabei merkt, dass er zwanzig Euro für eine Kirchenbank plus Halbplayback bezahlt hat, darf sich zusätzlich als naiver Realist feiern. So gesehen ist der Advent in Bad Traunstein auch ein Stück Selbsterkenntnis. Mit Engelholz Musi versteht sich.