Es ist Impfsaison in der Republik, und die Verantwortlichen legen sich ins Zeug, als gälte es, eine nationale Impfkampagne zu inszenieren und nicht bloß ein paar Spritzen zu organisieren. Gesundheitsministerin und Staatssekretärin traten also vor die Kameras, falteten die Hände über der Brust wie zwei Ministrantinnen vor der heiligen Kommunion und verkündeten feierlich: die kostenlosen Angebote werden hervorragend angenommen. Man möchte fast applaudieren, so viel Demut, so viel Bürgernähe, so viel warmes Licht von der Pressekonferenz.
Was die Damen allerdings dezent verschweigen ist die kleine mathematische Unannehmlichkeit, die das Ganze begleitet. Die Gürtelrose-Impfung nämlich, offenbar der neue Liebling der Österreicherinnen und Österreicher, verlangt nach einem zweiten Termin. Und weil halt jeder gleich beim ersten Mal da steht, als gäbe es Gratis-Butter, bildet sich vor den Ordinationen eine Schlange, die in ihrer Geduld an die legendäre Wiener Klimaanlagen-Schlange im Hochsommer erinnert. Nur mit weniger Ventilator und mehr Hoffnung.
Man darf sich das innere Kino gerne vorstellen: Dreißig Leute starren auf ihr Handy, keiner spricht, alle scrollen, als könne man die Wartezeit weg-swipen. Die Ordinationsassistentin lächelt tapfer, telefoniert leise mit Kolleginnen in anderen Bezirken und übersetzt Begriffe wie „zweiter Stich“ in Sätze wie „eventuell im November, schauen wir, melden Sie sich halt“. Ein organisatorischer Kraftakt, der in jeder anderen Branche als komplettes Chaos gelten würde, wird hier in den Olymp der Erfolgsmeldung gehoben.
Das Schönste an der Geschichte ist die vollkommen unschuldige Begeisterung, mit der das Ministerium feiert, dass das Angebot angenommen wird. Es ist, als hätte ein Wirt verkündet, das gratis Mineralwasser sei ein Renner, während hinter der Theke der Wein längst ausgegangen ist. Angenommen wird ja alles, solange es nichts kostet und möglichst wenig Aufwand verursacht. Hätte man eine kostenlose Bypass-Operation angeboten, wäre auch die Nachfrage enorm gewesen, vermutlich sogar noch enthusiastischer, aber das ist eine andere Liga.
Auch der Hinweis, die Gratis-Impfung sei nicht zwingend an die Hausarztordination gebunden, hat etwas Rührendes. Es klingt ein bisschen nach: Gehen Sie einfach hin, wohin Sie wollen, Hauptsache Sie gehen überhaupt. Diese Art von Freiheit erinnert an den berühmten Spruch, man solle sich halt aussuchen, wo man parken wolle, solange man einen Parken hat. Am Ende ist es halt wie überall in diesem Land: Es gibt Angebote, es gibt Nachfrage, und dazwischen liegt ein kleines Tal aus Wartezimmer-Literatur und ausgedruckten Formularen, die niemand lesen will.
Was bleibt, ist der stille Triumph der Verwaltung. Zwei Damen in schicken Jacketts, ein Mikrofon, ein Hintergrundgespräch, und schon fühlt sich das ganze Land wie ein Impf-Weltmeister. Dass der zweite Stich irgendwann kommt, ist dann halt Privatsache, eine Mischung aus Zuversicht, Resthoffnung und der unerschütterlichen österreichischen Fähigkeit, sich bei jeder Schlange einfach hinten anzustellen und geduldig zu warten. Bis Weihnachten. Mindestens.