Man stelle sich das Szenario vor wie eine Mischung aus Klosterschule und Kommandostab. In Warth, diesem Ort, der bisher eher durch Wetterkapriolen und Schilfstarre auffiel als durch pädagogische Revolution, sitzen Jugendliche in Reih und Glied und lassen sich zu dem umerziehen, was man in Österreich salopp Kindergartenhortner nennt. Praxisfokus wird gesagt, weil Praxis klingt nach Latzhose und Schaufel, dabei geht es ums Wippen, Trösten und Windelnwechseln, also um die hohe Kunst des Überlebens mit Kleinkindern.
Eine Prüfungsvorsitzende, die mit Sicherheit einen Orden für Sitzfleisch verdient, schwärmt davon, dass die Ausbildung fachliches Können und soziale Kompetenzen vermittelt. Was sie höflich verschweigt: Fachliches Können heißt in Wahrheit, ein Kind davon zu überzeugen, dass es Suppe löffeln soll, und soziale Kompetenz heißt, die eigene Wut nicht an der Erzieherin auszulassen, wenn der Haferschleim kalt wird. Trotzdem klingt es so, als würde hier eine Spezialeinheit für Krisenregionen ausgebildet, nur dass die Krisenregion Sandkasten heißt.
Der Clou an der Sache ist freilich das Versprechen, dass der Abschluss konkrete Türen in den Arbeitsmarkt öffnet. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da gibt es also einen Beruf, in dem schon seit Jahren dramatischer Personalmangel herrscht, in dem Kindergärten chronisch zittern, ob überhaupt jemand die Gruppe übernimmt, und in dem junge Menschen gefühlt mit einer Lizenz zum Plätzchenbacken ausgestattet werden. Dass man dafür noch immer eine Prüfung braucht und nicht einfach jeden nimmt, der laufen und lächeln kann, hat etwas Rührendes, wenn man es nicht gerade für ein Relikt aus der Gründerzeit hält.
Die wahre Provinzposse spielt sich aber hinter den Kulissen ab. Während die Jugendlichen brav lernen, wie man Bausteine sortiert, basteln die Erwachsenen schon an der nächsten Stufe der Selbstfeier. Da werden Prüfungsvorsitzende zitiert, als hätten sie das Rad neu erfunden, da wird der Arbeitsmarkt beschworen, als wäre er ein launischer Drache, den man mit einem Zertifikat zähmen kann, und am Ende steht stolz eine Tafel, auf der Kindergarten draufsteht, obwohl drinnen vor allem organisatorische Verzweiflung wartet. Man feiert die Ausbildung so, als hätte man gerade den Mount Everest bestiegen, dabei ist man nur ein paar Hügel im niederösterreichischen Voralpenland hinaufgestapft.
Natürlich gehört auch ein bisschen Bürokratie dazu, sonst wäre es ja keine österreichische Errungenschaft. Wer in einem Landeskindergarten arbeiten will, braucht dieses Papier, wer in einem Privatkindergarten anheuert, ebenso, und wer glaubt, einfach so mit Kindern reden zu können, den belehrt das Leben eines Besseren. Es ist, als würde man bei der Feuerwehr erst einen Kurs fürs Anfassen von Schläuchen verlangen, bevor man einen Hydranten aufdrehen darf. Die Kinder warten geduldig, sie haben ja keine Wahl.
Was bleibt also übrig von dieser frohen Botschaft aus Warth? Im Grunde eine sehr österreichische Antwort auf die Frage, wie man Fachkräfte gewinnt. Man erfindet eine Prüfung, man füllt ein Heft mit sozialen Kompetenzen, man lässt eine Vorsitzende sagen, dass alles ganz wunderbar praxisnah sei, und am Ende steht irgendwo ein Jugendlicher mit einem Zeugnis in der Hand und fragt sich, ob er jetzt die Welt verändert hat oder doch nur die Erzieherinnen entlastet, die bisher die Doppel- und Dreifachschichten geschoben haben. Vermutlich beides. Und vermutlich wird in fünf Jahren eine weitere feierliche Veranstaltung genau das Gleiche verkünden, nur mit anderen Gesichtern und demselben Stolz.