Man darf sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da gibt es eine Westliga, in der Tirol laut Selbstverständnis eigentlich eine tragende Säule des heimischen Fußballs sein müsste, und am Ende eines ganzen Spieltages bleibt als Triumphator aus dem ganzen Land eine Mannschaft übrig, die im eigenen Verein streng genommen nur die halbe Miete ist. Die Juniors, diese brave Nachwuchstruppe, die normalerweise fürs Hütchenspielen im zweiten Drittel der Arena zuständig ist, haben sich am Samstag gegen Lochau aufgeführt wie die letzte verbliebene Wohltätigkeitsveranstaltung des Tiroler Fußballs.
Drei zu zwei stand es am Ende, was in normalen Gegenden als harmloser Heimsieg vermeldet würde, in Tiroler Gefilden aber sofort in die Kategorie historisches Ereignis fällt. Man feierte das Ergebnis, als hätte man gerade die Landeshauptstadt vor einer feindlichen Übernahme gerettet. Zwei eingewechselte Spieler trafen in der Schlussphase, was den Verdacht nahelegt, dass Trainer und Betreuerstab den richtigen Riecher hatten, oder schlicht die Ausdauer der Anfangself aufgebraucht war. Egal. Hauptsache, irgendwer hat in diesem Land noch Tore geschossen, die am Ende auch auf der richtigen Seite der Anzeigetafel landeten.
Schwaz und Fügen, die anderen beiden Tiroler Abordnungen, ließen es sich nicht nehmen, bei ihren Ausflügen nach Vorarlberg das übliche Programm abzuspielen. Man reiste an, kniete vor den örtlichen Spitzenvereinen Hohenems und Dornbirn nieder und kehrte mit einer Niederlage im Gepäck heim, die sich anfühlt wie ein Stempel im Reisepass. So sieht Tiroler Selbstverortung im Jahr 2026. Man fährt ins Ländle, gibt den Ton an und merkt zu spät, dass der Ton gar nicht abgefragt wurde.
Die Reichenau, immerhin mutig genug, überhaupt einen Punkt mitzunehmen, schaffte das Kunststück ausgerechnet in Unterzahl. Das passt zur allgemeinen Lage: Sobald einer weniger mitmacht, läuft es besser. Sobald einer mehr auf dem Platz steht, wird’s riskant. Man darf das als Fußball-Weisheit verbuchen oder als Gesellschaftsdiagnose, je nach Tagesform.
Dass ausgerechnet die als Ausbildungskader geltende Truppe den einzigen Landes-Sieg beisteuerte, hat eine gewisse elegante Ironie. Die Erwachsenenmannschaften wirken in dieser Saison wie Internatsschüler, die man zur Prüfung geschickt hat, ohne sie zu fragen, ob das Fach freiwillig ist. Die Juniors dagegen treten auf, als hätten sie die Hausordnung gelesen und entschieden, sich ausnahmsweise daran zu halten. Es ist, als hätte jemand die Reihenfolge auf den Kopf gestellt und die Lehrlinge zu Meistern erklärt, während die Gesellen sich hinter der Werkstatt verstecken.
Bleibt die Frage, was man mit einem solchen Sieg anfängt, abgesehen davon, ihn auf einer eigenen Internetseite gebührend zu würdigen. Wahrscheinlich nichts. Man wird ihn feiern, als wäre er ein Meistertitel, in die Chronik eintragen und im nächsten Heimspiel wieder leise aufdrehen, wenn der erste Gegentreffer fällt. So funktioniert Tirol. Man hält die Fahne hoch, solange niemand hinschaut, und legt sie weg, sobald jemand nachfragt, wo sie denn eigentlich herweht.