Wenn in Seekirchen eine Wohnung abbrennt, springt der Staat an wie ein übermotivierter Bergrettungshund, der seit dem Frühstück auf einen Einsatz wartet. Bürgermeister Konrad Pieringer, ausgestattet mit der natürlichen Autorität jener Männer, die auf jeder Wurstelprater-Attraktion sofort das Steuer übernehmen, machte sich gemeinsam mit einer handverlesenen Abordnung aus der Stadtverwaltung auf die Suche nach einer Notunterkunft. Nicht etwa, weil niemand wusste, wohin mit Mutter und Sohn. Sondern weil in einer Kleinstadtgemeinde jede Hilfsaktion zugleich ein kleines kommunales Selbstporträt ist, das man später im Gemeinde-Newsletter und am Stammtisch in voller Länge rezitieren kann.
Die Ausgangslage war klassisch österreichisch: Feuerwehr rasch, Schaden groß, ein Zimmer hinüber, die Wohnung unbewohnbar. Soweit tragisch, aber leider ohne dramaturgischen Mehrwert. Also musste rasch die Pointe her, und die lag offenbar in einem leerstehenden Haus im SOS-Kinderdorf. Klingt im ersten Moment wie echte Hilfe, ist bei näherer Betrachtung eher das Eingeständnis einer längerfristigen Raumplanungsmisere. Denn wenn ausgerechnet in einem Kinderdorf permanent ein Gebäude leer steht, wirft das Fragen auf, die kein Bürgermeister gerne hört. Also wurde das Ganze kurzerhand zur Heldentat umetikettiert.
Man stelle sich vor, wie der Herr Bürgermeister höchstpersönlich die Schlüssel entgegennahm, während im Hintergrund schon jemand die Tischtücher für die obligatorische Pressefoto-Pose mit Feuerwehr, Familie und Ortsschild bügelte. Dass dabei aus einer Notlage eine Inszenierung wird, ist irgendwie auch ein Stück österreichische Volkskultur. Woanders rufen Menschen bei der Hotline an und hören Warteschleifenmusik. In Seekirchen fährt der Bürgermeister vor, weil ein Haus zufällig leer steht, und die Geschichte klingt anschließend, als hätte er das Sozialwesen neu erfunden.
Dass der Leiter des Kinderdorfs, Wolfgang Arming, das Haus zur Verfügung stellte, verdient ausdrückliche Erwähnung. Schließlich geht es hier um eine Institution, die an sich schon den Auftrag hat, Menschen in schwierigen Lebenslagen aufzufangen. Nur ist die Ironie kaum zu überbieten: Ausgerechnet jene Adresse, die für Kinder gedacht ist, wird nun als Auffangbecken für eine Familie beworben, die selbst keine Kinderdorf-Bewohner ist. Man fragt sich, ob der Ort bald unter dem neuen Slogan beworben wird. Wohnen, wo sonst niemand wohnen will. Oder noch zugespitzter: Notunterkunft mit pädagogischem Hintergrund. Sicherlich ein Alleinstellungsmerkmal am Immobilienmarkt Salzburgs.
Natürlich steht nirgends geschrieben, dass diese Lösung schlecht ist. Sie ist pragmatisch, menschlich und im konkreten Moment vermutlich genau das Richtige. Aber dass eine Gemeinde derart stolz darauf ist, innerhalb weniger Stunden eine halbwegs geeignete Bleibe aufzutreiben, sagt mehr über den Zustand des heimischen Wohnungsmarktes aus als jeder Sachstandsbericht. Wenn das Auffinden einer einzigen Wohnung schon als organisatorische Großtat gefeiert wird, dann darf man sich fragen, wie viele Familien in derselben Stadt seit Jahren ohne Feuer und ohne medialen Begleitapparat auf der Warteliste stehen.
Derweil sitzt die betroffene Familie vermutlich in ihrem neuen Domizil, betrachtet die Wände und fragt sich, wann sie zurück darf. Währenddessen wird in Seekirchen vermutlich bereits ein Empfang vorbereitet, eine Tafel aufgestellt, eine kleine Dankesrede geprobt. In Österreich wird bekanntlich nicht einfach geholfen. Es wird geholfen und gleichzeitig ein kleines Fest daraus gemacht. So gesehen ist die Sache am Ende gar kein Wohnungsdrama, sondern eine perfekte Vorlage für die nächste Ausgabe des Gemeindemagazins.