Es gibt Menschen, deren Hauptleistung darin besteht, dass man sie gut anschauen kann, und das ist auch völlig in Ordnung. Solange das Geschäftsmodell einigermaßen zur Selbstdarstellung passt. Im aktuellen Fall jedoch hat eine junge Dame aus dem Land der unbegrenzten Curtains offenbar vergessen, dass das Internet ein Langzeitgedächtnis hat, das schlimmer ist als jeder Stammtisch in Niederösterreich nach dem dritten Achterl.
Die Betroffene, nennen wir sie der Einfachheit halber die TikTok-Mimin mit dem Clean-Girl-Image, hat jahrelang ein besonders pflegeleichtes Selbst verkauft: blond, freundlich, skandalfrei, kurz jene Sorte Mensch, die man sich in jeder Werbung für Vitaminwasser vorstellt. Man könnte fast Mitleid bekommen. Wäre da nicht die kleine Nebenbeschäftigung, die laut Netz in mehreren Aufnahmen dokumentiert ist, gedreht an unterschiedlichen Locations, offenbar mit wechselndem Personal, mit einer gewissen Produktivität, die für reine Privatarchive zwischenmenschlicher Romantik erstaunlich professionell wirkt.
Die Erklärung der Beteiligten lautet wie gewohnt: böser Ex, Rache, Vertrauensbruch, die ganze Liturgie. Das ist einerseits natürlich plausibel, denn Männer, die nach der Trennung plötzlich zum Filmarchiv werden, gibt es in ausreichender Stückzahl. Andererseits stellt sich die Frage, wie viele Ex-Partner ein Mensch eigentlich braucht, um eine ganze Sammlung zu füllen, die vom Setting her an eine durchdachte Serie erinnert statt an gelegentliche Liebesgrüße aus dem Schlafzimmer.
Besonders schön ist das Detail mit der zweiten Dame im Bild, die zunächst die Hauptakteurin beim privaten Moment beobachtet, dann als Bitch tituliert und schließlich aufgefordert wird, diskreter vorzugehen. Das ist insofern bemerkenswert, als es zeigt, dass selbst in den vermeintlich intimen Szenen noch ein Mindestmaß an Bühnenmanagement herrscht. Eine Art Hygienevorschrift für das eigene Genre. Man verlangt Privatsphäre, während eine Kamera läuft. Das ist so, als würde man beim Bankraub das Fluchtauto leise hupen hören.
Was die Sache für das gemeine Volk natürlich besonders attraktiv macht, ist die Kategorie, in die das alles nicht fällt. NurFans wird bestritten, und so ist es lediglich Cam-Girl, was natürlich ein himmelweiter Unterschied ist, vergleichbar mit dem Unterschied zwischen Hochseilartist und Dachdecker. Beide arbeiten in schwindelerregender Höhe, beide tragen passende Kleidung, beide kommen ohne Sicherheitsnetz aus, aber semantisch liegt Welten dazwischen.
Die Pointe freilich ist eine ganz andere und hat mit dem eigentlichen Vorgang kaum etwas zu tun. Es ist die erstaunliche Energie einer Community, die gleichzeitig behauptet, solche Inhalte moralisch zu verachten, und trotzdem mit Hochdruck analysiert, ob die Locations konsistent sind, wie oft dieselbe Freundin im Hintergrund auftaucht und ob die Beleuchtung wirklich zu einem privaten Schlafzimmer passt. Es wird geforscht wie bei einer Bachelorarbeit, nur dass die Bibliothek ausdrücklich für Erwachsene ist.
Am Ende bleibt die uralte Frage, die Österreich seit jeher umtreibt: Wenn jemand im Internet behauptet, ein sauberes Image zu haben, und gleichzeitig intime Videos kursieren, ist es dann Betrug oder eher ein besonders ambitionierender Fall von Content. Und die ehrliche Antwort lautet: Es ist vor allem ein Geschäftsmodell, denn solange debattiert wird, bleibt der Name im Gespräch. Und genau das, liebe Leserinnen und Leser, ist die einzige Wahrheit, die im Internet wirklich zählt.