Es ist wieder soweit. Die Natur hat ihre liebe Not mit den Menschen in diesem Land, denn der September naht, und der meint es bekanntlich ernst. In Wien, Niederösterreich und dem Burgenland sitzen seit Montagfrüh rund eine halbe Million Kinder auf Stühlen, die für ihre Beinlänge ungefähr so passend sind wie ein Zweimannzelt für einen Eishockeyverein. Die Erwachsenen nennen das Schulbeginn, die Kinder nennen es Geiselnahme durch einen Stundenplan.
Während also die einen Bundesländer schon eifrig Hefte kaufen, Kreuze malen und sich fragen, ob die neue Lehrerin heuer strenger ist als die alte, sitzen die anderen noch in Badehose am Baggersee und diskutieren die wichtigen Fragen des Lebens. Etwa die, ob die Eisdiele um die Ecke schon wieder geschlossen hat oder ob man den Sprung ins kalte Wasser wagt. Sechs Bundesländer gönnen sich noch eine Woche, was sehr für den Föderalismus spricht, denn ohne föderale Vielfalt wäre das ja alles ein einziger bundeseinheitlicher Ferienkalender, und das wäre ungefähr so aufregend wie ein Formular beim Finanzamt.
Natürlich fragt sich die Republik, was das eigentlich soll. Die einen kaufen schon die Etiketten für die Turnsachen, die anderen feiern noch das Ende des Sommers. Man stelle sich vor, es gäbe in Österreich einen einheitlichen Schulbeginn. Chaos, blankes Chaos. Welche Klassenlehrerin hätte dann den Ehrgeiz, ihre Erstklässler als erste im Land zu begrüßen? Welche Direktion würde sich die Blamage erlauben, als letzte die Schultüren zu öffnen? Der Wettbewerb der Bundesländer wäre dahin, und damit auch jene Form von mildem Nationalstolz, die nur existiert, weil Salzburg eine Woche länger Schulferien hat als Wien.
Dann sind da noch die 42000 Taferlklassler, die zum ersten Mal in einem Klassenzimmer Platz nehmen, als wäre das ein historischer Akt wie die erste Mondlandung, nur mit mehr Malstiften und weniger Weltraumstaub. Und während die einen also staunen, radieren und die Rechtschreibung neu erfinden, üben sich die anderen noch im Nichtstun. Wobei Nichtstun auch eine Kulturleistung ist, vor allem wenn man es über mehrere Generationen perfektioniert hat. Das Burgenland ist da übrigens sehr weit vorne.
Was lernen wir daraus? Eigentlich nur, dass die Schweiz nicht das einzige Land ist, das Föderalismus als Kunstform betreibt. Aber während die Schweizer wenigstens diskret darüber schweigen und höflich die Schuluniformen loben, machen die Österreicher daraus eine Art Sport, bei dem jeder Landeshauptmann versucht, die längste Ferienzeit herauszuschlagen. Wer zuletzt beginnt, hat gewonnen, so lautet die unausgesprochene Regel. Und wer am Montag schon mit dem neuen Heft wedelt, der ist verdächtig. Der ist entweder eine Lehrkraft oder ein besonders ehrgeiziger Schüler, und beides ist in Österreich ein charakterliches Grenzphänomen.
Wenn also in einer Woche auch die westlichen Bundesländer in die Schule stolpern, dann wird die Republik wieder zu einem einzigen, großen Schulkörper. 1,2 Millionen Kinder werden gleichzeitig versuchen, den Schulweg zu finden, die Eltern werden gleichzeitig im Stau stehen und die Bushaltestellen werden gleichzeitig überfüllt sein. Bis dahin aber gilt die Devise: Augen zu, durchatmen und hoffen, dass die Eisdiele noch auf hat.