Da steht nun also eine Künstlerin vor ihren eigenen Bildern und vor einem halben Dutzend Honoratioren, die alle gleichzeitig wichtig und austauschbar wirken, und alle lächeln so, als hätte die Flora höchstpersönlich für sie geblüht. FLORA bringt BLUMEN heißt das Ganze, was in etwa so originell ist wie ein Wirtshaus, das Bier ausschenkt, aber sei’s drum, der Titel sitzt, die Sektgläser sind kalt, die Stadträtin ist warm.
Die Stadträtin kommt in Vertretung. In Vertretung! Für einen Bürgermeister, der es nicht einmal für nötig befunden hat, persönlich anwesend zu sein, wenn eine Malerin in seinem Stadtmuseum an die Wände darf. Das ist jene Sorte politische Volksnähe, bei der man sich vom Volk vertreten lässt, während man selbst in irgendeiner anderen Vertretung sitzt. Man darf das durchaus als moderne Form der indirekten Demokratie begreifen: gewählte Vertretung der gewählten Vertretung, eine Kette wie bei einem gut sortierten Blumengeschäft.
Dann ein Hofrat. Selbstverständlich ein Hofrat. In Niederösterreich gibt es ja keinen Termin, der ohne Hofrat vollständig wäre, ähnlich wie ein Feuerwehrfest ohne Wurst oder eine Pensionistenehrung ohne Tracht. Der Hofrat nickt, nickt bedächtig, nickt mit der Erfahrung von tausend Vernissagen, und man hat den Verdacht, dass er auch bei der nächsten dabei sein wird, komme was wolle, selbst wenn die Ausstellung Schießpulver und Enttäuschung heißt.
Die Kuratorin tritt gleich zweimal auf, einmal als Kuratorin und einmal als Künstlerin. Wer hier wen kuratiert, ist eine philosophische Frage, die in St. Pölten vermutlich in einem Nebenraum bei Kaffee und Kuchen entschieden wird. Jedenfalls steht eine Frau zweimal im Bild, und das ist vermutlich die ökonomischste Form von Selbstdarstellung, die das heimische Kunstgeschehen je gesehen hat. Doppelt gesehen, doppelt gewürdigt, doppelt im Foto. Die Algorithmen der sozialen Medien werden es danken.
Der Stadtmuseumsdirektor steht dabei wie ein Mann, der das Gebäude besitzt, obwohl es ihm nur gehört, und ein gewisser Panto Trivkovic steht daneben, dessen bloße Anwesenheit den Abend um mindestens drei Anekdoten bereichert, von denen keine an diesem Abend erzählt wird. Lukas Neumeister ist auch da, vermutlich, weil man in der Provinz niemanden auslässt, der einen plausiblen Grund hat, sich neben Bilder zu stellen.
Dann die Kunst selbst. Blumen! Eine Künstlerin malt Blumen, was im Grunde die ehrlichste Berufswahl der Kunstgeschichte ist, weil selbst der größte Kunstkritiker nicht behaupten kann, dass eine Tulpe schlecht komponiert sei. Tulpen komponieren sich selbst, und falls doch nicht, dann ist es eben Kunst und der Hofrat nickt. Es gibt keinen Ausweg. Man malt eine Blume, die Galerie hängt sie an die Wand, die Stadträtin eröffnet sie in Vertretung, und am Ende hat irgendjemand ein Pressefoto, das in einer Beilage erscheint, die niemand liest, aber alle abonnieren.
Die Pointe freilich liegt in der Mechanik des Ganzen. Eine Malerin malt ein paar Dinge, eine Verwaltung eröffnet sie feierlich, eine Kuratorin kuratiert sich selbst, ein Hofrat nickt Hofrätliches, und die Stadt tut so, als hätte sie an diesem Abend Kultur importiert. Dabei wurde nur heimische Flora ein bisschen hübscher an die Wand gehängt, was an und für sich schon ein Sieg ist, denn ohne diese Vernissage wäre sie vermutlich in der Vase geblieben und binnen drei Tagen verwelkt.
So steht St. Pölten da, leicht staubig von der eigenen Bedeutsamkeit, und posiert vor Blumen, als hätte man den Louvre geschluckt. Hat man nicht, aber die Fotos suggerieren es, und in der Provinz zählt bekanntlich nur, was auf dem Foto ist. Alles andere ist, wie der Hofrat sagen würde, eine Frage der Vertretung.