Man darf sich das einmal vorstellen, ohne gleich zynisch zu werden. Also doch ein bisschen zynisch. Zwei Damen, beide weit jenseits der Vierzig, betreten einen Platz, schlagen ein paar Bälle über ein Netz und verlieren am Ende knapp. Knapp ist im Tennis ein dehnbarer Begriff, so wie „familienfreundlich" auf Wahlplakaten. Knapp bedeutet hier: mehr Bälle im Aus als bei einem durchschnittlichen Sonntagsspaziergang im Prater, aber weniger als bei einem Bezirksvertretungstreffen in Wiener Neustadt. Das Ergebnis interessiert am Ende niemanden mehr. Es wird ja auch niemand gefragt.
Was zählt, ist die Geste. Die Geste ist im Spitzensport mittlerweile wichtiger geworden als die Leistung, vergleichbar mit der Eröffnung eines Kreisverkehrs in Niederösterreich. Es genügt, dass man überhaupt hinkommt. Ob man dann im Kreis fährt oder geradeaus, ist sekundär. Im konkreten Fall wurde also verloren, und zwar gegen zwei Gegnerinnen, deren Namen dem Normalbürger in etwa so vertraut sind wie die Tagesordnung der letzten Sitzung des Bundesratsausschusses für Verkehr. Aber das Publikum in New York ist, das muss man neidlos anerkennen, ein dankbares Publikum. Es applaudiert bei Abschied, bei Comeback, bei Niederlage, bei Anwesenheit, eigentlich bei allem, was sich theatralisch inszenieren lässt.
Die ältere der beiden Damen ist 46, die andere 44, was die Frage aufwirft, ob es sich hier noch um Leistungssport handelt oder bereits um eine sehr ambitionierte Form von Physiotherapie. Muskulatur, Sehnen, Bänder, alles wird in diesem Alter ja schon verdächtig genau beobachtet. Jeder Aufschlag ist ein vertrauensbildender Akt zwischen Mensch und Kniegelenk. Jeder Ballwechsel eine kleine Volksabstimmung über die eigene Belastbarkeit. Und wer dann tatsächlich verliert, aber davor schon fünfmal den Schläger erhoben hat wie ein siegreicher Feldherr, der bekommt Standing Ovations, als hätte er gerade das Empire State Building eigenhändig neu gestrichen.
Interessant ist auch die kulturelle Übersetzung, die hier stattfindet. In Österreich wäre ein solcher Auftritt undenkbar. Hier wird Sport gemacht, nicht zelebriert. Hier sagt man nach einer Niederlage „na geht schon" und geht zum Heurigen. Hier wird nicht applaudiert, wenn jemand verliert, sondern höflich geschwiegen und gleichzeitig das Bier bestellt. Die Wiener Stadthalle würde das nicht mitmachen. Die Kärntner Tennishneigung schon eher, aber nur am besten, wenn danach eine Brettljause bereitsteht.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die moderne Unterhaltungsindustrie ein Perpetuum Mobile der Symbole geworden ist. Wer aufhört, wird gefeiert. Wer weitermacht, wird gefeiert. Wer verliert, wird gefeiert. Wer gewinnt, wird gefeiert. Das einzig Unfeierbare ist offenbar der Mittelmaß, aber den gibt es im Spitzensport definitionsgemäß nicht, also ist die Welt in Ordnung. Die beiden Damen durften also lächeln, winken und mit Standing Ovations nach Hause gehen, während die Frage, ob man mit 44 und 46 noch Doppel auf Grand-Slam-Niveau spielen sollte, höflich in den Bereich der Philosophie verschoben wurde. Neben die Frage, warum Kreisverkehre immer genau dort gebaut werden, wo vorher ohnehin niemand war.
Am Ende, und das ist die eigentliche Pointe, war es vielleicht gar kein Tennismatch. Vielleicht war es eine Performance. Eine sehr teure, sehr gut vermarktete, sehr amerikanische Performance über das Altern, die Macht des Markenzeichens und die erstaunliche Fähigkeit eines Publikums, aus jeder Niederlage eine Triumphzugnummer zu machen. Und während irgendwo ein burlesker Sportkommentator in New York den Laptop zuklappt, sitzt der österreichische Beobachter vor dem Bildschirm, schüttelt milde den Kopf und denkt sich: Bei uns wäre das mindestens eine Aussendung des Sportministeriums wert gewesen, mit Kondolenz, Glückwunsch und einem Hinweis auf die Wichtigkeit der Bewegung im fortgeschrittenen Alter. Man weiß halt, wie man Abschiede zelebriert. Besonders wenn man selbst nie gehen will.