Es ist wieder soweit. Der Bezirk Mödling atmet auf, atmet aus, atmet durch und vor allem: er atmet Kultur. Die Marktgemeinde Maria Enzersdorf trommelt ihre seit Jahrzehnten bewährte Rituale zusammen, als wäre jede Schlosskonzert-Saison ein kleines Jubiläum des Anstands. Neun Mal im Jahr darf das treue Publikum nun also erleben, wie ein österreichischer Ort versucht, sich mit Kammermusik zu adeln, während rundherum die Einfamilienhäuser um die Wette wachsen.
Den Auftakt macht am 24. September ein Pianist, der so international ist, dass die Gemeinde gleich das ganze Schaufenster der Weltbürgerlichkeit putzt. Der Mann hat im Salle Gaveau debütiert, im Wiener Musikverein gespielt und einmal sogar sämtliche ungarischen Rhapsodien an einem Abend durchgehämmert, vermutlich weil er wusste, dass im Bezirk Mödling sonst keiner so viel Sitzfleisch mitbringt. Dass er nun ausgerechnet Liszt nach Maria Enzersdorf bringt, hat etwas Rührendes und etwas Verdächtiges zugleich. Liszt war Ungar, das Klavier steht in Österreich, der Pianist ist Bulgare, das Publikum ist heimisch, und die Gemeinde verkauft das Ganze als europäischen Geist der Verwaltung.
Natürlich heißt das Motto nicht einfach Liszt, sondern, man darf es sich auf der Zunge zergehen lassen, die berühmten ungarischen Rhapsodien. So berühmt, dass sie offenbar jedes Mal neu entdeckt werden müssen, wenn die Schlosssaison beginnt. Es ist, als würde der örtliche Tourismurteil jedes Jahr aufs Neue feststellen, dass Beethoven fünf Symphonien geschrieben hat, und dann trotzdem eine Presseaussendung daraus machen.
Im Oktober wird die Sache dann endlich exotisch. Zwei Gitarristen entführen das Publikum unter dem Motto Von Wien nach Buenos Aires. Was dabei musikalisch passiert, weiß man vorher schon: erst ein bisschen Wiener Gemütlichkeit, dann ein Hauch Tangogefühl, am Ende ein Applaus, der so höflich ist wie die Sitzordnung im Schloss. Die Gemeinde wird das als musikalische Weltreise verkaufen, während die meisten Besucher mit dem Auto aus dem Nachbarort kommen und froh sind, einen Parkplatz vor dem Schloss zu ergattern, der nicht zugeparkt ist.
Den Abschluss bildet im November das Korngold Ensemble, das stilecht Korngold gegen Dvořák stellt, als handele es sich um ein musikalisches Duell im Burgenland. Es wird vermutlich keinen Sieger geben, dafür einen gut gefüllten Saal und ein Gemeinde-Echo, das klingt, als hätte man wieder Kultur nach Maria Enzersdorf geholt. Dass die meisten Zuhörer den Unterschied zwischen den beiden Komponisten nur anhand der Programmnotiz erkennen, gehört zur lokalen Folklore wie der Schnittlauch am Würstelstand.
Was die Sache wirklich auszeichnet, ist die Selbstverständlichkeit, mit der eine Marktgemeinde sich einreiht in die Riege der großen Konzerthäuser, als wäre das Schloss Hunyadi lediglich eine Filiale des Musikvereins mit Parkplatzgarantie. Man nehme einen Pianisten, der in Paris gespielt hat, setze ihn vor ein österreichisches Klavier, schreibe Hochkarätig auf das Plakat, und fertig ist der Herbst, der gar nicht mehr herbsteln darf, weil er durchgeplant ist bis zum letzten Ton. Mödling im September ist nämlich kein Ort mehr, an dem man noch unbeteiligt Laub vom Bürgersteig kehrt, sondern eine Bühne, die sich mit Liszt die Seele streichelt.
Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Schlosskonzerte weniger ein musikalischer als ein verwaltungstechnischer Höhepunkt sind. Solange die Gemeinde das Programm auflegt wie eine Sitzung des Gemeinderats, nur mit etwas mehr Pathos und deutlich weniger Streit ums Budget, darf man sich auf einen Herbst freuen, der so kulturell korrekt daherkommt, dass selbst die Amsel im Schlosspark das Timing übt. Liszt hätte es vermutlich gefallen. Dem Bezirk Mödling gefällt es so oder so.