Es gibt in der Demokratie nichts Spannenderes als den Moment, in dem ein Bürgermeister mitten in der Legislaturperiode plötzlich die Augen niederschlägt, leise seufzt und verkündet, er wolle sich nun ganz der Familie widmen. Dem Blumengießen. Dem Hund. Dem Enkerl, das endlich einen Großvater braucht, der es im Rathaus mit Schokolade vollstopft. Das alles klingt spontan, menschlich, fast rührend. Ist es aber nicht. Es ist ein uraltes Zeremoniell, das in seiner Präzision jeder Inthronisation im Vatikan Konkurrenz macht.
Die Politologin, die das aus der Ferne kommentiert, hat natürlich völlig recht, wenn sie den Vorgang als Rochade bezeichnet. Rochade ist das schönste Wort dafür. Es klingt nach Schach, nach klugem Tausch, nach Strategie. In Wahrheit ist es eher das, was im Hühnerstall passiert, wenn die alte Henne vom Hof pickt und die nächste sofort auf die Stange hüpft. Mit Strategie hat das nur so viel zu tun wie ein Hund mit Mathematik, wenn er den Stöckchenwurf berechnet.
Die wahren Gründe der vorzeitigen Übergabe liegen tief in der menschlichen Seele. Es ist die Sehnsucht nach dem Parkplatz, der bisher dem Vorgänger gehörte. Es ist die Sehnsucht nach dem Schreibtisch, an dem man den Vorgänger leiden sieht, wenn er zu Besuch kommt. Es ist der süße Duft der Gemeinderatsprotokolle, die noch im Druck warm sind. Wer einmal dieses Parfum geschnuppert hat, kommt davon nicht mehr los. Es ist schlimmer als Schnitzelgeruch, es ist ein Lebensthema.
Dass dabei ausgerechnet eine Politologin den Beobachter spielen darf, ist eigentlich die Pointe des Ganzen. Sie sitzt in einem Hörsaal, erklärt den Bürgern, was die Bürgermeister denken, und die Bürgermeister sitzen in ihren Amtszimmern und denken sich: Schön, dass die Universität dafür bezahlt wird, damit ich es nicht selbst sagen muss. So funktioniert moderne Demokratie. Die einen reden, die anderen regieren, und alle sind zufrieden.
Natürlich wird die Vorgangsweise als transparent verkauft. Es gibt Gespräche, es gibt Sondierungen, es gibt einen Konsens, der angeblich im Wirtshaus bei der dritten Halben gereift ist. Was tatsächlich stattfindet, ist eine monarchische Erbfolge im Kasperltheater-Format. Der Thronfolger hat schon Monate vorher die Orden am Revers, der Vorgänger übt noch das gnädige Winken aus dem Fenster. Wenn die Amtskette erst einmal den Hals wechselt, ist das Volk so überrascht wie ein Skifahrer, der im Juli auf der Piste steht.
Das Schönste aber ist die Argumentation. Man habe das Amt geliebt, heißt es, aber man wolle Platz machen für neue Ideen. Neue Ideen. In einem Rathaus. Das ist so, als würde der Kapitier auf der Titanic sagen: Ich gehe von Bord, damit ich mehr Zeit habe, über Schiffbau nachzudenken. Der Gemeinderat nickt dazu, weil das Protokoll es verlangt, und die Bürgerschaft applaudiert, weil das Wirtshaus vor dem Wahltag noch einen Schnaps spendiert.
Und so geht das weiter, bis die nächste Rochade ansteht. Irgendein junger Mann oder eine junge Frau mit blitzenden Augen und einem Lebenslauf, der so frisch gebügelt ist wie das Sakko beim ersten Foto. Irgendein älterer Mensch mit müden Knien und einem Lächeln, das sagt: Ich gehe freiwillig. Ich gehe wirklich ganz freiwillig. Ich gehe so freiwillig, dass ich noch eine Garage am Rathaus dazubekomme.
Man darf gespannt sein, was die Politologin dann erklärt. Wahrscheinlich wieder dasselbe. Mit einem neuen Akzent, einem neuen Diagramm und einer neuen Kaffeemaschine im Seminarraum. Die Demokratie bleibt stabil, das Ritual bleibt dasselbe, und die Amtskette glänzt weiter, als wäre sie nie vom Hals eines Vorgängers abgenommen worden.