Man stelle sich vor, jemand trifft die Zentrale eines Geheimdienstes mit einer Drohne, und ausgerechnet die Reaktion der Behörden verrät mehr als jede Aufklärung. Zwölf Verletzte, heißt es, als sei das eine überschaubare Zahl, mit der man die Folgen einer gezielten Zustellung höflich abhaken kann. Zwölf, klingt fast nach Sitzplatzverteilung in einem Wiener Gemeinderatssaal, nur dass dort die Sitzungen länger dauern und die Einschläge ausbleiben.
Dass der Angriff „direkt auf das Büro des Geheimdienstchefs gezielt“ habe, ist eine Formulierung, die in jedem Nachrichtenfeuer stehen könnte, aberwitzig wie die Idee, ein Geheimdienst habe überhaupt ein Büro. Natürlich hat er das, und natürlich steht ein Schild daran, und natürlich wird dieses Schild nach dem Vorfall umso sichtbarer, als hätte der gesamte Apparat auf sein Coming-out im Stadtplan gewartet. Die Vorstellung, dass ausgerechnet jene Institution, die für Diskretion bezahlt wird, von einer Drohne gefunden wird wie ein Wiener Würstelstand von Touristen, hat etwas Rührendes.
Pikant ist natürlich das Timing. Kurz vor dem Besuch zweier US-Gesandter, deren Aufgabe es ist, zwischen Beteuerungen zu vermitteln, die sich gegenseitig ausschließen, schlägt etwas ein. Man darf sich das vorstellen wie einen Empfang, bei dem die Gastgeber noch rasch die Asche von der Tischdecke wischen, während die Diplomatie schon im Lift steht. Der Geheimdienst wird also gleichzeitig angegriffen und empfängt, was die Frage aufwirft, ob es in solchen Gebäuden überhaupt noch eine Rezeption gibt oder nur noch einen Evakuierungsplan mit Sternchen.
Interessant ist auch, wie schnell aus einem Vorfall eine politische Telefonkonferenz wird. Kaum ist die Druckwelle vorbei, beginnt das große Telefonieren, und jeder hat eine Version parat, die exakt so klingt, als hätte er sie schon vor dem Einschlag im Entwurf gehabt. Die russische Drohne wiederum hat keine Pressestelle, keinen Sprecher und keinen Kanal, und genau deshalb ist sie in der modernen Konfliktkommunikation allen überlegen. Wer schweigt, kann nicht widersprechen, und wer zuschlägt, muss keine Pressemitteilung schreiben.
Der ukrainische Präsident wiederum nutzt die Bühne so routiniert wie ein Wiener Kaffeehauskellner die Theke. Er erklärt, betont, kündigt an, gibt sich betroffen, und alles passt zusammen wie das Service bei einem Heurigen, der um sieben Uhr aufmacht und um neun schließt. Dazwischen liegt der Einsatz, aber das Service kennt sich aus. Zwölf Verletzte werden als menschliche Notiz verbucht, die man später, sobald es passt, zur Heldenstatistik umetikettiert.
Die Pointe liegt freilich anderswo. Sie liegt in der Annahme, dass Geheimdienste Orte sind, an denen niemand hinsieht, während die Wirklichkeit Büros mit Adresse, Empfangskomitees und Telegram-Kanälen daraus macht. Die Drohne hat also weniger einen Geheimdienst getroffen als die Idee von Geheimhaltung überhaupt. Wer künftig behauptet, er arbeite im Hintergrund, sollte sich vorher fragen, ob die russische Luftwaffe das anders sieht. Falls doch, darf man auf den nächsten Anschlag warten, der den nächsten Besuch einrahmt, damit alle Beteiligten wenigstens ein gemeinsames Foto haben. Das hat dann zwar nichts mehr mit Aufklärung zu tun, aber mit PR allemal.