Man stelle sich vor, eine Hauptstadt sitzt in Madrid, hat einen Minister, der Óscar Puente heißt und unterschreibt, was auch immer gerade vor ihm liegt, und schon hat eine kleine afrikanische Halbinsel, die nicht einmal so groß ist wie der Frankfurter Flughafen, ein neues Zeltlager. Willkommen in Ceuta, wo die Geografie schon kompliziert genug ist und nun auch noch die Bürokratie einfallsreich wird.
Der zuständige Minister hat nämlich beschlossen, dass der Hafen ab sofort nicht mehr dem gehört, der seit Menschengedenken dort die Fischernetze repariert, sondern derjenigen, die gerade die schönsten Pressefotos braucht. Puente hat das unterzeichnet wie andere Menschen Frühstücksbrötchen bestellen. Ein Haken, ein Strich, fertig ist die Hafenübernahme. Ceuta darf weiterhin seine Fische verkaufen, aber bitte schön neben einem Zeltlager, in dem fünftausend Menschen wohnen, darunter 1.200 Minderjährige. Das Tanklager in der Nähe ist übrigens kein Problem, denn Brände entstehen bekanntlich nie in der Nähe von Zelten, Stoff und leicht entzündlicher Solidarität.
Die Lokalpolitiker dort unten, angeführt von einem Präsidenten, der so klingt wie ein Schutzheiliger aus dem Bilderbuch, haben höflich widersprochen. Sie sagten sinngemäß, vielleicht doch lieber nicht das Zeltlager im Hafen, weil der Hafen wichtig ist für die Versorgung. Eine alte Fabrik geht auch nicht, ein früheres Militärkrankenhaus erst recht nicht, und die Turnhalle sowieso nicht, weil man da ja Vereinsmeisterschaften im Tischtennis hat. Bleibt am Ende das Zelt, aufgestellt direkt neben dem Tanklager. Wenn schon Anarchie, dann richtig.
Man kann den Lokalpolitikern den Unmut kaum verübeln. Ceuta ist klein, die Leute kennen sich, und plötzlich zieht man mit einem Verwaltungsakt eine ganze Zeltstadt vor der eigenen Haustür auf, ohne auch nur höflich nach dem Wetter zu fragen. Da hilft es auch wenig, dass Madrid versichert, alles sei vorübergehend. Vorübergehend ist in der Migrationspolitik ungefähr so aussagekräftig wie das Wort bald in einem Wiener Wirtshaus, wenn die Küche schon zugemacht hat.
Die Anrainer zeigen derweil, was europäische Bürgerbeteiligung in Reinform bedeutet. Sie demonstrieren, sie schimpfen, und wo Worte nicht reichen, wird nachgeholfen, gelegentlich auch handfest. Dass die meisten Migranten nach wenigen Stunden wieder Richtung Marokko verschwinden, hilft nur bedingt, denn die verbleibenden fünftausend bleiben nun einmal. Und Madrid sitzt in Madrid und sagt, die Einzelfallprüfung sei Pflicht. Das klingt beruhigend, ist aber vor allem eines: langwierig. So langwierig, dass in der Zwischenzeit Zelte aufgebaut werden, Verwaltungsakte unterschrieben werden und Minister Flugstunden sammeln.
Das eigentliche Meisterstück aber ist die Behauptung, Marokko habe mit dem Massenandrang Ende Juli nichts zu tun gehabt. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie der Hinweis, der Sprung vom Fünfmeterbrett sei spontan passiert. Madrid glaubt das natürlich, denn Madrid muss das glauben, weil Marokko sonst diplomatisch unbequem wird, und unbequeme Diplomatie ist der natürliche Feind jedes freundlichen Pressefotos.
So bleibt am Ende das Bild einer europäischen Exklave, die zwischen Kontinenten, Tanklagern und Verwaltungsakten eingeklemmt ist, mit einem Präsidenten, der sich Sorgen macht, einer Regierung, die unterschreibt, und einer Bevölkerung, die das alles aus der Nähe betrachtet. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Vielleicht eine Anordnung, dass der Hafen nun gleichzeitig Schwimmbad, Festspielhaus und provisorisches Erstaufnahmezentrum ist. Mit einem freundlichen Hinweis von Puente, dass man das alles vor Ort natürlich gerne anders gesehen hätte, aber die Hauptstadt weiß es halt besser.