Es gibt Tage im Jahr, da fühlt sich Österreich an wie die Bühne eines Provinztheaters kurz vor der Premiere, nur dass statt Hamlet eine Gewitterfront tragend auftritt. Zuerst scheint alles ganz harmlos, die Sonne tut, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt, als brav über den Alpen zu glänzen, und die Frühaufsteher nicken zufrieden mit dem Kopf beim Blick aus dem Fenster. Dann aber, irgendwann zwischen dem zweiten Kaffee und der ersten sinnvollen Tätigkeit des Tages, kippt die Stimmung. Plötzlich zieht von Westen her Unheil auf, die Wolken tun geheimnisvoll, und die Meteorologen lehnen sich zurück, holen tief Luft und flüstern das Wort aus, das in keinem Sommer fehlen darf: Superzelle.
Superzelle klingt nach Forschungslabor und Comic-Verfilmung zugleich, irgendwo zwischen „Iron Man“ und einem Seminar für angewandte Wut. Was genau eine Superzelle ist, weiß zwar kaum jemand, aber das ist auch gar nicht nötig, denn es reicht vollkommen, dass das Wort existiert. Es reicht, dass es bedrohlich klingt, dass es nach Rotation und Drehung und nach einem ungeplanten Date mit dem Hausdach schmeckt. Sofort verwandelt sich der bis dahin gemütliche Wetterbericht in einen Drehbuchentwurf für einen Katastrophenfilm, in dem die Bevölkerung die Statisterie spielt, und die Statisterie spielt sie gern.
Dazu gesellt sich, als wäre die Dramaturgie nicht schon dicht genug, noch der Saharastaub. Saharastaub ist die Geheimzutat jeder ordentlichen Wetterposse, das Gewürz, das selbst das langweiligste Hochdruckgebiet noch einmal in einen postapokalyptischen Film verwandelt. Der Himmel wird milchig, die Sicht verschwimmt, und plötzlich fühlt man sich wie in einem billigen Science-Fiction-Streifen aus den späten Siebzigern, nur ohne Budget und ohne besonderen Plot. Wer jetzt noch Auto fährt, hat es verdient, Werbung für sich selbst zu machen, und wer die Wäsche draußen hängen hat, lernt wieder einmal, was der liebe Gott sich unter einem reinen Himmel vorstellt.
Die Meteorologen ihrerseits sind in solchen Stunden in ihrem Element. Sie sprechen von explosiven Mischungen, als würden sie am Frühstückstisch ein Rezept für eine Bolognese interpretieren, nur mit mehr Pathos und weniger Parmesan. Sie erklären feuchte Luft, die auf stark erwärmte Luft trifft, als wäre das eine schicksalhafte Begegnung zweier Seelenverwandter, die einander lange suchten und sich nun, von der Thermodynamik zusammengeführt, endlich in die Arme sinken dürfen. Dass dabei bloß Wasser kondensiert und ein paar elektrische Entladungen zustande kommen, ist eine Fußnote, die in der großen Inszenierung nicht stören darf.
Und dann die Windspitzen. Über hundert Sachen, bitte. Das klingt nach Autobahn, ist aber vermutlich der Versuch der Atmosphäre, den Menschen wenigstens für einen Nachmittag das Gefühl zu geben, sie könnten noch etwas erleben, ohne gleich einen Flug buchen zu müssen. Wer in Salzburg wohnt, darf sich obendrein über Föhn freuen, diese regionale Spezialität, die aus jedem Kopf eine leere Konservenbüchse macht, in der der Wind sein eigenes Konzert gibt. Wer im Süden sitzt, bekommt die Hitze mit oben drauf, fünfunddreißig Grad, als wäre der August ein persönlicher Witz, den sich die Wetterlage seit Jahren nicht verkneifen kann.
Am Ende des Tages wird man aufwachen, der Himmel wird wieder blau sein, der Saharastaub wird sich als dünner Film auf Autoscheiben und in Nasenlöchern verewigt haben, und die Superzelle wird in der Erinnerung zu einer netten Brise geschrumpft sein, über die man bei der nächsten Grillfeier mit Bier und Pathos erzählt. So ist das eben in diesem Land: Der Sommer ist keine Jahreszeit, sondern ein Staffellauf aus Dramatik, Vorwarnung und kollektivem Augenrollen, bei dem die Meteorologen die Fackel tragen, die Bevölkerung die Strecke und der liebe Gott das Wetter.