Acht Jahre lang ist BepiColombo unterwegs, und man fragt sich unwillkollich, was in den Konferenzräumen der Esa eigentlich besprochen wird, wenn eine Mission so lange braucht, um bei einem Planeten anzukommen, der ohnehin nur ein verbeulter Klumpen in der ersten Reihe ist. Der Merkur ist das Universums-Aschenbrödel, ein Himmelskörper, der schon im Schulheft die zweite Wahl war, nachdem die Venus die schöne Schwester und der Mars der coole Cousin war. Und ausgerechnet dorthin schickt man zwei Orbiter, die ineinanderstecken wie ein schlecht sortiertes Ikea-Regal, verpackt in einen Sonnenschild, weil offenbar selbst die Raumfahrt inzwischen beim Möbelhaus bestellt.
Am Donnerstag wird nun das Mercury Transfer Module abgesprengt, jenes technische Anhängsel, das die Sonde durch neun Milliarden Kilometer geschoben hat und sich dafür als Gegenleistung ein laues Lüftchen Ionen erbeten hat. Es ist, als würde der Chauffeur nach der langen Fahrt aus dem Wagen geworfen, sobald die Parkplatzsuche am Ziel kompliziert wird. Das Modul hat seine Schuldigkeit getan, heißt es, ein Satz, den man bei Hofe auch zum letzten Lakaien sagt, der den Sekt serviert hat, bevor das eigentliche Fest beginnt. Was dann kommt, sind die beiden Orbiter MPO und Mio, die vorerst einmal gemeinsam um Merkur kreisen sollen, weil eine Trennung offensichtlich zu viel verlangt wäre nach dieser Reise. Man will sich nicht übernehmen, immerhin.
Die Esa lädt zum Livestream des Ereignisses, was allein schon eine bemerkenswerte Leistung ist, weil bei acht Jahren Flugzeit die Spannung über die Ankunft eines Raumfahrzeugs auf einem verglühten Felsbrocken doch eher bei jenen Leuten liegt, die ihre Urlaubsreise auch mit Countdown planen. Millionen Zuschauer werden erwartet, oder zumindest die hartgesottenen Fans, die sich schon beim Frühstück über Merkur-Insolvenz unterhalten lassen. Die Wissenschaftsphase, sagt man, beginnt im Frühling 2027, also in einer fernen Zukunft, in der vermutlich die Hälfte der Beteiligten in Pension ist und die andere Hälfte gerade die Präsentation für die Nachfolgemission vorbereitet. So hat man wenigstens genug Zeit, die Ergebnisse in ordentliche Hochglanzbroschüren zu drucken.
Natürlich darf man den Merkur nicht unterschätzen, immerhin ist er der schwierigste Patient im Sonnensystem, ein Ort, wo die Sonne gnadenlos auf den Pelz brennt und die Temperaturen so schwanken wie die Laune eines Wiener Kaffeehausgastes. Wer dort ankommt, hat vorher eine kosmische Behörden-Odyssee hinter sich, mit mehreren Swing-bys an Erde und Venus, als handle es sich um einen Antrag auf Bauordnung, der von Tisch zu Tisch gereicht wird. Acht Jahre, neun Milliarden Kilometer, und am Ende steht man vor einem grauen, narbigen Felsen, der aussieht wie das Innere eines Bankomaten nach einem Stromausfall. Aber genau das ist der Reiz, sagen die Wissenschaftler, und klingen dabei wie Makler, die eine Dachgeschosswohnung ohne Aufzug als charmant bezeichnen.
Was bleibt, ist das schöne Bild einer Raumfahrt, die sich selbst nicht ganz traut. Man schickt zwei Sonden auf eine Reise, bei der die eine die andere mitnehmen darf, schützt beide mit einem Sonnenschild, schaltet zwischendurch die Triebwerke ab und lässt dann auch noch das letzte Antriebsmodul fallen, als wäre es ein abgelaufener Skipass in der Skisaison. Im November soll die Umlaufbahn erreicht werden, heißt es, vorausgesetzt, der Merkur spielt mit, was bei einem Planeten, der seit Milliarden Jahren von der Sonne geröstet wird, durchaus unsicher ist. Wahrscheinlich wird er einfach weiter seine Bahn ziehen, wie es der Merkur eben tut, gleichgültig, ob da oben jemand andockt oder nicht. Und die Esa wird trotzdem eine Pressekonferenz machen, mit Häppchen, Foldern und einem freundlichen Sprecher, der erklärt, warum alles genau nach Plan läuft, auch wenn der Plan vorher keiner kannte. So gesehen ist die ganze Mission ein Triumph, genau wie der verklemmte Sonnenstich, den man sich in einem Wiener Freibad holt, wenn man glaubt, man hätte alles unter Kontrolle.