Endlich, möchte man sagen, tut sich was. Nicht in der Kunst, nicht in der Kriminalitätsbekämpfung, aber im Regal der zuständigen Stellen, wo seit Jahren eine Schublade mit der Aufschrift „Sicherheitskonzept, irgendwann" herumliegt. Nachdem Unbekannte das Wiener MAK um Schmuck im Wert eines kleinen Einfamilienhauses erleichtert haben, wurde nun, man höre und staune, eine Sicherheitsschleuse im Eingangsbereich aufgestellt. Eine Schleuse! Das ist in etwa so, als würde man nach einem Hochwasser den Keller mit einem Sonnenschirm schützen, aber immerhin, der Sonnenschirm hat eine formschöne Aluminiumstange.
Man darf das nicht zu klein reden. Schließlich kostet eine Schleuse Geld, und Geld ausgeben ist in dieser Stadt bekanntlich ein Kraftakt, der parlamentarische Begleitmusik, mindestens drei Foto-Termine mit dem Spatenstich und eine eigene Pressekonferenz erfordert. Dass die Schleuse erst nach dem Abtransport der Beute eingeweiht wird, ist lediglich ein Zeichen dafür, dass man hier konsequent auf den richtigen Zeitpunkt setzt, nämlich den, an dem das Kind nicht nur im Brunnen, sondern bereits auf dem Schwarzmarkt liegt.
Inzwischen reiht sich Wien also ein in eine illustre Riege: Grünes Gewölbe in Dresden, Bode Museum in Berlin, Louvre in Paris, MAK in Wien. Eine Art olympische Disziplin, nur dass statt Medaillen Pretiosen verteilt werden und statt Nationalhymnen der diskrete Piepton der Alarmanlage erklingt, sofern überhaupt einer vorhanden war. Das Muster ist, wie Insider munkeln, nicht neu. Schon 1975 haben sich findige Zeitgenossen am Kölner Dom bedient und eine Monstranz teilweise eingeschmolzen, was man durchaus als frühe Form künstlerischer Weiterverarbeitung interpretieren könnte, wäre das Ergebnis nicht aus dem Verkehr gezogen worden.
Was lernen wir daraus für den heimischen Museumsalltag? Erstens, dass das Publikum künftig etwas länger braucht, um zur Sonderausstellung „Kostbare Goldschmiedearbeiten des Mittelalters" zu gelangen, weil es vorher brav durch ein Drehkreuz muss wie am Flughafen, nur ohne die Aussicht auf Mallorca. Zweitens, dass Diebe offenbar ein besonderes Faible für Vitrinen mit schlechter Beleuchtung und gutem Marketing haben. Drittens, dass der Begriff „Museumsleitung" künftig wohl synonymisch zu verstehen ist mit „Leitung, die das Museum verlässt", in Bezug auf die Exponate.
Wien reagiert darauf, wie Wien auf alles reagiert: mit einem Schritt, der gleichzeitig zu wenig und zu spät ist, aber dafür wunderbar auf Pressefotos mit lächelnden Beamten, einem Banddurchschnitt und einem Redebeiwerk passt. Die Sicherheitsschleuse steht nun also im Eingang. Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Eine Alarmanlage? Ein Wachdienst? Oder vielleicht, weil wir in Wien sind, einfach ein Hinweisschild mit der höflichen Bitte, doch bitte beim nächsten Mal die Versicherung gleich mitzubringen. Schließlich soll der Vorgang ja möglichst reibungslos abgewickelt werden, damit man hinterher wieder feierlich verkünden kann, man habe alles getan, was man tun konnte, und zwar exakt in der Sekunde, in der es nichts mehr zu schützen gab.