Man darf sich die Frage stellen, was an einem 5:0 eigentlich noch berichtenswert sein soll. In Wampersdorf, einem Ort, dessen Bekanntheitsgrad irgendwo zwischen Tortenheber und Thermomix-Hardcase liegt, haben sich kürzlich zwei zweite Mannschaften gegenübergestanden, als hätte der Spielausschuss beschlossen, die Langeweile des Spätsommers mit einer Mischung aus Flutlichttherapie und kollektivem Pflichtschuldigkeitsgefühl zu kurieren. Dass am Ende fünf Tore auf der Anzeigetafel standen, sagt weniger über die Qualität der Heimmannschaft aus als über die tiefenpsychologische Verfasstheit der Gäste, die offenbar mit dem Gedanken spielten, den Bus schon vor der Halbzeit zu besteigen.
Der Held des Abends trägt den schlichten Nachnamen Heinrich und trat zur Halbzeit ins Spiel, als hätte jemand in der Kabine den Stecker der Heimmannschaft gezogen und in eine andere Steckdose gesteckt. Vier Tore in einer Halbzeit, drei davon ohne Elfmeter, eines mit, das ist eine Quote, die selbst einem Mittelstürmer im Altersheim noch Respekt einbringen würde. Man kann nur hoffen, dass Heinrich nach Spielschluss wenigstens kurz seine Schuhe gewechselt hat, damit am nächsten Morgen beim Bäcker niemand auf die Idee kommt, er habe die Brötchen einzeln eingetreten.
Beim Gastteam aus Willendorf muss man zwischen Mitleid und professioneller Bewunderung schwanken. Elf Namen stehen auf dem Spielberichtsbogen, von denen acht das Spiel überlebten, ohne namentlich aufgefallen zu sein, und einer schaffte es immerhin, in der fünfundsechzigsten Minute mit einem Foul die einzige gelbe Karte des Abends zu kassieren. Das ist die sportliche Form von Trotz: Wenn schon verlieren, dann wenigstens mit Karte. Obendrein wurde zweimal zur Halbzeit gewechselt, was bei einem 0:1-Rückstand noch nach taktischer Reaktion aussieht, bei einem späteren 0:5 eher nach einem Hilferuf an die zweite Reihe.
Überhaupt die Halbzeit, diese merkwürdige Zeit im Leben eines jeden Freizeitkickers, in der die einen glauben, jetzt müsse man die defensive Grundordnung umstellen, während die anderen bereits die Getränkewartung am Spielfeldrand koordinieren. Achtzig Zuschauer fanden den Weg ins Stadion, was für ein Spiel dieser Kategorie eine beachtliche Mobilisierungsquote darstellt und gleichzeitig beweist, dass es im Bezirk Baden-Bruck noch Menschen gibt, die einen Donnerstagabend nicht mit Netflix verbringen möchten. Sie sahen Fußball auf dem Niveau einer gut einstudierten Feuerwehrübung, nur mit weniger Wasser.
Bleibt der Schiedsrichter, dessen Namen man sich merken sollte, nicht weil er das Spiel prägte, sondern weil er Ramazan Erkus heißt und damit klanglich wie eine Mischung aus orientalischem Dessert und türkischem Vorname wirkt, was in keiner Statistik steht, aber in jedem Stadionkommentar fallen würde, wenn man nicht gerade damit beschäftigt wäre, die Flutlichtanlage zu reparieren. Er pfiff ein Spiel, in dem ein Elfmeter gegeben wurde, was in Niederösterreichs achter Liga etwa so häufig vorkommt wie ein Sonnenstrahl im November, und er ließ es geschehen, dass ein Spieler viermal jubelte, ohne dass jemand auf die Idee kam, das Spiel wegen einseitiger Langeweile vorzeitig zu beenden.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass zweite Mannschaften existieren, damit die ersten Mannschaften jemanden haben, gegen den sie später gewinnen können. Wampersdorf hat diese Kette der Fußballexistenz am Donnerstagabend mit Bravour fortgesetzt, Willendorf wird es beim nächsten Mal mit umgekehrter Energie probieren, und Heinrich wird vermutlich am Sonntag beim Frühschoppen sitzen und so tun, als sei er bescheiden, während sein Bierglas in Wahrheit so groß ist wie sein Torhunger. So ist das halt, wenn man in der Provinz kickt: Die Halbzeit ist die längste Pause des Lebens, der Platzverweis kommt nie, und der Applaus dauert genauso lang wie das letzte Tor.