Es gibt Sätze, die in Kärnten fallen, und man muss sich kurz hinsetzen, weil sie so vernünftig klingen, dass man instinktiv nach der versteckten Kamera sucht. Ein Mann aus Köln, der seit einem Vierteljahrhundert mit dem Motorrad an den Faaker See fährt, sagt ganz trocken: Wir sind ja Gast im Land, da muss man sich benehmen. Das ist keine Pressemitteilung, kein PR-Text einer Tourismusagentur, das sagt einfach ein Mensch, der seit 24 Jahren denselben Urlaub macht und dabei offenbar mehr Umgangsformen mitbringt als so mancher Dauerparker vor dem Billa.
Man stelle sich das einmal vor. Da reisen Belgier zwei Tage lang durch halb Europa, schleppen ihre Maschinen auf Anhängern über die Alpen, kaufen sich eine Jahreskarte für die Nockalmstraße und die Villacher Alpenstraße, und das alles, ohne auch nur ein einziges Mal in einem Facebook-Kommentar zu erklären, warum hier früher aber alles besser war. Stattdessen stehen sie in der Innenstadt, lächeln freundlich und sagen Dinge wie tolle Stimmung und super organisiert. Das sind Wörter, nach denen man in heimischen Online-Diskussionen vergeblich sucht, weil dort stattdessen lieber Begriffe wie Frechheit, Systemversagen und Sauhaufen fallen.
Besonders rührend ist die Sache mit dem Paar, das zum 24. Mal anreist. 24 Mal. Wer geht 24 Mal an denselben Urlaubsort, ohne danach einen Reiseführer zu schreiben, einen Podcast zu starten oder einen Verein zu gründen? Diese Leute fahren einfach hin, schauen sich die Neuheiten am Motorradsektor an, lernen Leute kennen, knüpfen Freundschaften, und nennen das Ganze dann unseren Urlaub. Kein Manifest, kein Ranking, keine Aussteiger-Ästhetik. Nur ein Motorradanhänger und ein warmer Empfang am Faaker See, der offenbar über Generationen funktioniert.
Die beiden haben übrigens eine Lieblingsstraße, und auf der kann man oben sehr gut essen, sagen sie. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist in Österreich aber eine Kunstform. Denn bei uns gibt es bekanntlich entweder eine wunderschöne Straße ohne Wirtshaus oder ein hervorragendes Wirtshaus, das seit dem Ausbau der Umgehungsstraße nur noch über eine Forststraße erreichbar ist. Dass die Villacher Alpenstraße beides vereint, ist fast schon verdächtig und müsste dringend von irgendjemandem mit einem Mangel an touristischer Infrastruktur kritisiert werden.
Was die Sache mit der Einbahn rund um den Faaker See betrifft, so soll sie aus Sicht der Stammgäste gut funktionieren. Das ist bemerkenswert, weil Einbahnregelungen im Allgemeinen jene Verkehrskonzepte sind, bei denen sich der heimische Normalbürger am liebsten als testweise Einzelperson querstellt. Wenn das ausländische Motorradfahrer jahrzehntelang klaglos befolgen, fragt man sich, ob man das System exportieren sollte. Vielleicht braucht Wien einfach mehr Belgier im Straßenverkehr.
Der wahre Knaller aber ist der Vergleich, den die beiden liefern, ohne ihn überhaupt als solchen zu deklarieren. Während bei anderen großen Treffen am Ende jeder Kommentar unter jedem Artikel nach mehr Polizei, härteren Strafen und besserer Erziehung schreit, kommen diese Leute, legen ihr Geld auf den Tisch und ziehen nach einer Woche wieder ab. Die Region bekommt ein paar Tage Auslastung in der Gastronomie, die Hotels freuen sich, und am Ende steht keiner mit einem Megafon vor dem Rathaus und verlangt ein Ende des Tourismus.
Vielleicht ist das die Lehre aus diesem friedlichen Massenereignis. Wer als Gast kommt, benehmen sich auch die meisten Gäste. Und wer als Einheimischer immer glaubt, die anderen seien das Problem, der sollte vielleicht einmal in den Spiegel schauen und sich fragen, ob der Dorfkern nicht auch ohne Dauerempörung funktionieren würde. Aber das ist eine andere Geschichte, eine, die vermutlich nie jemand schreiben wird, weil man darüber in Österreich keinen Meme und keinen Kommentar verfassen kann, ohne dass sich sofort drei Leute in die Diskussion einschalten.
Am Ende bleibt nur die leise Vermutung, dass Villach in diesen Tagen der höflichste Ort Österreichs ist. Jedenfalls solange die Motorräder da sind. Danach beginnt wieder der Alltag mit Stau, Parkplatzsuche und dem einen Nachbarn, der grundsätzlich weiß, wie es anderswo besser ist.