Man stelle sich die Szene vor: 670.000 Menschen erhalten dieser Tage Post von ihrer Arbeiterkammer, und der erste Satz beginnt mit einer atemberaubenden neuen Interpretation des Begrinns „Mitgliederbetreuung“. Cyberkriminelle haben zugeschlagen, die Polizei ist eingeschaltet, die Daten sind weg, und die Kammer weiß nicht einmal, welche. Das klingt zunächst nach einer mittleren Katastrophe, ist aber in Wahrheit die konsequenteste Form der Arbeiterkammer-Politik überhaupt. Jahrelang hat man sich gewundert, was die Institution eigentlich mit ihren Pflichtmitgliedsbeiträgen anstellt, und nun weiß man es. Sie investiert in IT, die gehackt werden kann.
Besonders rührend ist der dringende Hinweis, man möge bitte nicht auf angebliche SMS, WhatsApp-Nachrichten oder Mails mit dem Absender „Arbeiterkammer Oberösterreich“ reagieren, in denen Zahlungen, Bonusaktionen oder Gewinnspiele versprochen werden. Man darf also beruhigt sein, falls man bisher Sorge hatte, die AK könnte einem plötzlich Geld schicken. Diese Sorge ist nun, rein technisch gesehen, durch einen Hackerangriff endgültig behoben. Die Angreifer haben im Grunde genommen genau jene Illusion zerstört, die viele ohnehin nie hatten.
Was bleibt, ist ein Hilfsbetrieb, der unfreiwillig ehrlich wirkt. Die Mitarbeiter arbeiten auf Ersatzlaptops, die Telefonleitungen sind offen, persönliche Beratung ist möglich, alles ist also wie immer, nur ohne das, was vorher vermeintlich funktioniert hat. Es erinnert ein wenig an eine Werkstatt, in der die Mechaniker sehr freundlich erklären, dass man das Auto jetzt nochmal in zehn Minuten bringen soll, weil sie gerade dabei sind, das Werkzeug zu suchen. Nur dass hier 670.000 Halter zugleich auf ihren Autos warten.
Dass die Datenschutzgrundverordnung in solchen Fällen Briefe an alle Betroffenen vorschreibt, zeigt, wie sinnvoll Bürokratie sein kann. Ohne diese Verordnung hätte die Kammer vermutlich einfach nur ein Schild aufgehängt. Jetzt aber bekommt jeder ein förmliches Schreiben, in dem das Eingeständnis steckt, dass man zwar die Interessen der Mitglieder vertritt, aber offenbar nicht deren Daten. Das ist eine stolze Bilanz. Wer wollte da noch behaupten, die Kammer kümmere sich nicht?
Am schönlich ist freilich der Appell an die Gelassenheit. Reagiert nicht, klickt nichts an, gebt keine Bankdaten weiter, kurz: verhaltet euch so, als wäre die Kammer ein gesundes Misstrauenstraining für den Ernstfall. Wenn die eigene Interessenvertretung einem empfiehlt, nichts zu tun, dann ist das entweder das Ende des Vertrauens oder der Anfang einer neuen, radikalen Form der Beratung. Man weiß es nicht. Die Kammer weiß es auch nicht. Die Hacker wissen es vermutlich am besten.
Und so bleibt am Ende nur der Trost, dass wenigstens die Spurenverwischung der Angreifer professionell war. Wenn schon die oberösterreichische IT-Sicherheit überlistet wird, dann wenigstens mit Stil. Die Arbeiterkammer ihrerseits wird die Krise sicher bald nutzen, um eine Pressekonferenz anzuberaumen, auf der dann erklärt wird, dass man alles im Griff habe, man die Mitglieder ernst nehme und man künftig stärker auf Aufklärung setze. Was das genau bedeutet, weiß niemand. Aber es klingt nach dem, was man seit Jahrzehnten sagt. Nur diesmal stimmt es vielleicht sogar.