Irgendwo zwischen Menlo Park und dem dritten Espresso des Tages hatte jemand eine grandiose Eingebung. Künstliche Intelligenz, so die interne Erzählung, ist nicht nur ein Produkt, das man ahnungslosen Endnutzern ins Feed schiebt, sondern auch ein Werkzeug der Personalsanierung mit besonderem missionarischem Eifer. Man müsse, hieß es feierlich, die Belegschaft entlasten, indem man die Belegschaft entlässt. Klingt widersprüchlich, ist aber im Tech-Jargon einfach nur Synergie mit ein bisschen Disruption im Anhang.
Also wurden im Mai rund zehn Prozent der Belegschaft freigestellt, was ungefähr so überraschend kam wie ein neues Betriebssystem ohne nennenswerte Verbesserungen. Begründung: man wolle Platz schaffen für die hell leuchtende Zukunft, die man sich selbst gerade ausgedacht hatte. Diese Zukunft bestand im Wesentlichen aus größeren Sprachmodellen, mehr Grafikkarten und dem beruhigenden Gefühl, dass irgendwo auf der Welt ein Computer denkt, damit man selbst in Ruhe Meetings einberufen kann.
Was dann passierte, hätte man sich eigentlich denken können, wenn man jemals in einem Unternehmen gearbeitet hätte, das sich selbst für die Speerspitze der Zivilisation hält. Die firmeninterne KI, die angeblich so vieles revolutionieren sollte, scheiterte ausgerechnet an der Aufgabe, die eigene Firma umzubauen. Mitarbeiter, die vorher wenigstens noch wussten, in welchem Ordner die Reisekostenrichtlinie liegt, wurden durch Systeme ersetzt, die sich beim ersten Anzeichen einer Reisekostenrichtlinie in eine Endlosschleife aus Konfidenzwerten flüchten. Der Umbau wurde teuer, laut, und vor allem: gründlich ineffizient.
Der schönste Satz der ganzen Geschichte bleibt jener unausgesprochene, der in jeder Präsentation mitschwingt: Wir transformieren uns. Gemeint ist, man ersetzt Menschen durch Software, die noch nicht ganz fertig ist, und hofft, dass die Aktionäre das Vertrauen in eine Bilanz investieren, in der das Wort Vertrauen ungefähr so oft vorkommt wie das Wort Kaffee in einem kalifornischen Venture-Capital-Pitch. Die Investitionen in KI steigen, behaupten die Verantwortlichen, und die Belegschaft erfährt das meistens zwischen dem dritten Croissant und der Durchsage, dass die Kantine jetzt nur noch experimentelle Bowls anbietet, weil auch dort ein Algorithmus das Regiment übernommen hat.
Natürlich ist die Pointe vom Konzern so vorgesehen wie der Sonnenuntergang im Roman. Die KI ist nicht gescheitert, sie hat lediglich ihr Ziel erreicht, nur eben nicht das, das in der Pressemitteilung stand. Sie hat die Firma so weit umgebaut, dass die Firma jetzt genauso funktioniert wie die KI selbst, nämlich mit viel Halluzination, noch mehr Selbstvertrauen und einem gelegentlichen Absturz, der dann als Feature verkauft wird. Wer hier wen ersetzt hat, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Faktum ist: irgendjemand in der Chefetage hat ein Zukunftsbild gezeichnet, in dem die Mitarbeiter vorkommen wie Staffage, und die KI wie der Hauptdarsteller.
Was bleibt, ist der klassische Fall von betrieblicher Selbstanwendung. Man will der Welt beweisen, dass Maschinen den Menschen überflüssig machen, und merkt dann beim eigenen Hausputz, dass die Maschine zwar die Ordnerstruktur analysieren kann, aber keine Ahnung hat, warum die Weihnachtsfeier letztes Jahr ein solches Desaster war. Die wertvollste Erkenntnis aus dem Ganzen stammt daher nicht aus einem Rechenzentrum, sondern aus der Cafeteria: Auch die klügste Software trinkt ihren Kaffee schwarz, wenn man sie lässt. Nur bestellen kann sie ihn nicht.